Kirschgelee von Percy

Kirschgelee

Gedankenverloren rührte er in dem großen Kochtopf. Das Kirschgelee blubberte und schäumte. Noch ein paar Minuten, dann die Gelierprobe......

KLABUMMMMM!!!!!

Er seufzte. Dieser Riß im Zeitkontinuum genau unter der uralten Eiche an seinem Hoftor war ja schön und gut, aber manchmal fühlte er sich wie auf dem Boulevard.

Es war Juni, ein lauer Sommerwind strich ums Haus und er hatte sämtliche Türen offen, um im Haus Durchzug zu erzeugen, sonst staute sich die Hitze.

Ein unterdrückter Fluch, ein Stolpern vor der Haustür.

„Kommt rein, Porthos!" schrie er, vielleicht etwas zu laut, um das Brodeln des Kochtopfes zu übertönen.

Einige Augenblicke später stand Porthos im Türrahmen der Küche, füllte ihn beinahe vollständig aus.

„Ein wunderschöner Tag, mein Freund! Allerdings so ereignislos. Mir war nach Zerstreuung und da dachte ich, ich besuche Euch mal. - - - Oh! Was macht ihr da, mon ami?" fragte er erstaunt.

„Nach was sieht es denn aus?" Der Andere warf ihm einen amüsierten Blick über die Schulter zu und rührte weiter im Topf.

„Ihr..... Ihr .....KOCHT?" Porthos Augen glichen Untertassen. Offenbar konnte er nicht glauben, was er sah.

„Ich koche Gelee, genauer Kirschgelee. Gestern habe ich sie bereits entsaftet und eine Partie Konfitüre mit ganzen Früchten..." Er brach ab, als er merkte, daß Porthos Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen. „Was ist denn? Was habt Ihr?"

„Habt Ihr denn keinen Diener?"

„Nein. Oder habt Ihr hier jemals einen gesehen?"

„Eine Magd?"

„Nein. So etwas gibt es heutzutage nicht mehr."

„Dann eine Haushälterin..."

„Neihein!" Allmählich wurde er ungeduldig. „Ich bin Junggeselle und damit eine one-man-show....äh, ich mache alles, was getan werden muss, selbst."

„Oh nein," ächzte Porthos. „Ihr Ärmster, das war es dann wohl mit eurem männlichen Stolz....."

„Hä? Was hat das mit meinem männlichen Stolz zu tun?" Er spürte, wie seine Zündschnur nun doch allmählich kürzer wurde.

„Na, diese Arbeit....sie ist eines Mannes, eines Edelmannes unwürdig!"

„Ach, papperlapapp! Heutzutage bricht sich keiner einen Zacken aus der Krone, wenn er sich auch mit diesen Dingen auskennt! Ich betone KEINER", er rollte das „R" bedeutungsvoll.

„Hier! Rührt doch mal selbst! Es tut auch nicht weh!"

Zögernd nahm Porthos den Kochlöffel und rührte, erst langsam, dann mit mehr Verve.

„Eine schöne Farbe! Hmm, und das duftet!" Allmählich verlor er seine Abneigung.

„Ihr könnt in zwei Minuten die Gelierprobe machen!" bot der Freund an.

„Äh, natürlich, die Gelierprobe!" Porthos versuchte zu klingen, als ob er täglich mit Gelierproben zu tun hätte.

Der Freund fischte eine Untertasse aus dem Schrank, gab einen Klecks der kochenden Flüssigkeit darauf und begutachtete das Ergebnis. Nach kurzer Zeit erstarrte die Masse.

„Da! Ihr könnt die Untertasse ablecken! Sonst mach ich das nämlich immer!" Der Freund strahlte ihn an.

„Wenn Ihr meint...." Porthos griff zögernd nach dem Porzellan, leckte den Klecks Gelee ab. „Potzblitz! Das schmeckt vorzüglich!"

„Und jetzt wird das Gelee in Gläser gefüllt!" kündigte der Freund an und ignorierte Porthos schmachtenden Blick, der gerne einen weiteren Klecks Gelee verkostet hätte.

Schnell wurden kleine Gläser befüllt und mit Schraubdeckeln verschlossen.

„Komische bunte Deckel habt ihr." stellte Porthos fest, „Aber sie scheinen ja sehr praktisch zu sein."

„Mir ist noch nie ein Glas Marmelade schlecht geworden." brüstete sich der Freund.

„Ihr seid ein Zauberer!" lachte Porthos. „Ist übrigens noch etwas übrig von dieser Köstlichkeit?"

„Na, da habt ihr Glück. Der letzte Rest, der nicht mehr ins Glas paßte, mußte in dieses Schüsselchen. Das könnt Ihr essen."

Porthos griff nach der Schüssel. Der Freund legte ihm die Hand auf den Arm. „Und? War das Gelee herstellen jetzt so unmännlich?"

„Ach, I wo!" Porthos begann zu löffeln. „Tatsächlich fand ich es sogar ganz aufregend. Eure Höllenerfindung von Herd, der weder Holz noch Kohle braucht, dann diese neumodischen, bunten Küchengerätschaften, und erst Eure Spülmaschine! So was Bequemes! Da spart man den Abwasch! Mousqueton hat sich damals in der Herberge, in der ich meine....Verstauchung auskurieren mußte, weidlich darüber beschwert, daß er den ganzen Abwasch im Zimmer in einer Schüssel oder am Brunnen im Hof erledigen mußte. Aber zumindest hat er ordentlich am Kamin gekocht. Ich mußte ja zu Kräften kommen, wißt Ihr?"

Der Freund unterdrückte ein Grinsen. D'Artagnan hatte ihm das Abenteuer der Englandreise in allen Details erzählt und mit seinem sarkastischen Humor nicht gegeizt. Einige kleine Anspielungen bezüglich Porthos' Verstauchung waren auch dabei gewesen.

„Macht Ihr das öfter, mon ami? Dieses Gelee?"

„Ach, eigentlich regelmäßig zur Früchtezeit. Gelee, Marmelade....aus allen möglichem Früchten. Was halt gerade reif ist. Und hier im Garten habe ich Kirschbäume, Apfel- und Birnbäume. Ich glaube, es gibt auch zwei Pflaumenbäume im hinteren verwilderten Teil. Und Pfirsiche, Himbeeren, Brombeeren....."

„So viel? Und das müßt Ihr alles verarbeiten?"

„Naja, die Vögel und die Ponys bekommen auch ihren Teil ab. Aber es ist schon toll, all das zu ernten und ein wenig Sonne das ganze Jahr beim Frühstück zu genießen!"

„Oh, Ihr seid ein Poet! Das würde Aramis sicher gefallen!"

„Bringt ihn doch bei Eurem nächsten Besuch mit. Und fragt auch Athos und d'Artagnan. Wir könnten morgen früh gemeinsam frühstücken. Der Tag wird sonnig und warm und in der Frühe ist es auf der Terrasse noch schön kühl und schattig!"

„Eine ausgezeichnete Idee! Ich werde Mousqueton auftragen, einige Flaschen Bordeaux bereitzustellen, die bringe ich mit."

Der Freund stöhnte innerlich. Die Frühstücksvorlieben der Musketiere waren offenbar leicht alkoholisch angehaucht. Wäre er bei dem Frühstück auf der Bastion dabei gewesen, hätte er bezweifeln müssen, noch einen wohlgezielten Schuß abgeben zu können.

Porthos verabschiedete sich an der Tür, schaute anklagend auf das Kopfsteinpflaster: „Übrigens habt Ihr da eine schöne Stolperfalle!" Zwei Steine waren ungleichmäßig verlegt, oder im Laufe der Jahre unter das Niveau der anderen abgesunken.

„Ach ja. Muß ich bei den nächsten anstehenden Pflasterarbeiten dran denken, sie anzuheben. Bis dahin weiß man aber immer, wer zu Besuch kommt, ohne daß man zur Tür kommen muß!"

Beide Männer lachten und Porthos verschwand im Schatten der alten Eiche.