Märzherausforderung 2005 von Silvia  und Maike 

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Kapitel Märzherausforderung 2005

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Kapitel Jagdvergnügen von Anonymous

Jagdvergnügen

Irgendwie war es immer noch seltsam. Wenn er sich in dem großen, hellen Zimmer umsah, blieb das Gefühl, dass er nicht hierher gehörte. Auf eine ganz seltsame, eindringliche Weise, sagte eine leise Stimme in seinem Herzen, dass er in eine kleine, sehr bescheidene Wohnung in der Rue Ferou zu Paris gehörte und nicht hierher, in die sonnendurchflutete Bibliothek von Schloss Bragelonne. Wenn Olivier de la Fère, genannt Athos, ganz ehrlich mit sich selbst war, dann fühlte er sich in seiner Rolle als Herr von Bragelonne nicht recht wohl. Wieder fiel sein Blick auf den Brief, den er gelesen hatte, bevor er aus dem blitzsauberen Fenster hinab in den Park von Bragelonne geschaut hatte. Die Zeilen waren in der sehr sauberen Hand irgendeines Sekretarius verfasst und von der weitaus schwerer zu lesenden Hand eines Armand oder vielleicht auch Arnaud de St. Remy unterzeichnet. Dass es St. Remy heißen musste, wusste Athos weil er das Siegel gesehen hatte, doch der Vorname war völlig unleserlich und der Graf musste eine erschreckende Unkenntnis über seine neuen Nachbarn – oder besser: er war Ihr aller neuer Nachbar – eingstehen. Nicht dass dies bei der unsäglichen Neigung der St. Remy Vornamen mit A zu vergeben, viel geholfen hätte, aber es hätte ihm einen vagen Hinweis gegeben, von wem nun genau dieser Brief eigentlich stammte. Der Inhalt war einfach und höflich genug: eine Einladung zur Jagd.

Zum zweiten Mal las Athos das ganze Schreiben, es änderte sich nichts. Wohl verpackt in die gängigen, und vorsichtigen, gesellschaftlichen Artigkeiten, enthielt es eine Einladung zur Wildschweinjagd. Mit einem tiefen Durchatmen sagte sich Athos, dass dies nichts ungewöhnliches oder gar gefährliches war. Und doch.... die einzigen Einladungen die Athos in den vergangenen sieben Jahren erhalten hatte, - abgesehen von denen seiner Freunde in die vielen Wirtshäuser von Paris - waren Einladungen jener Art gewesen, bei denen man sich in aller Stille hinter dem Luxembourg oder beim Kloster der Karmeliterinnen traf und eine Ehrenfrage bereinigte. Erstaunt betrachtete Athos sein Spiegelbild in dem vagen Schatten auf der Fensterscheibe. Hatten diese wenigen Jahre wirklich so tiefe Spuren hinterlassen? Hatten sie so leicht Erziehung und Gewohnheit überwunden, dass er hier stand und sich über eine einfache Einladung zur Jagd wunderte? Als er damals nach Paris gekommen war, war es sich sicher gewesen, dass nichts was kam, ihn verändern konnte. Jetzt stand er hier und fand den alten Grafen de la Fère nicht wieder. Er wandte sich vom Fenster ab und ging langsam zum Sekretär hinüber. Er musste sich innerlich einen Stoß geben, um sich zu setzen und ein höfliches Anwortschreiben zu verfassen.

***

Der Keiler brach unerwartet durch die Büsche und aus dem Kreis der Jagdhunde aus. Das Tier war ein mächtiges Hauptschwein von neun oder zehn Jahren. Gefährlich blitzen die Waffen im Unterkiefer des Tieres, als es mit einer erneuten Drehung ausbrach und einen der Jagdhunde verletzte. Athos sah sofort, dass sich der Keiler von ihm abwandte. Ein einziger Blick genügte, um zu sehen wohin das Tier lief. Ein Warnruf verständigte Maurice de St. Clair, der sich nahe der Fluchtbahn des angeschlagenen Keilers befand und nicht vorbereitet war. Der Mann, der Athos unter den vielen Gästen Monsieur de St. Remys vorgestellt worden war, wandte sich rasch um und erfasste seine wenig schöne Lage zwischen dem wütenden Keiler und dem Abbruch zum Fluss hin. Er handelte rasch genug und rammte das untere Ende seiner Saufeder in den Boden, das scharfe Blatt weit genug gesenkt, genau im Wege des gewaltigen Keilers. Jeden Augenblick erwartete Athos den Keiler von einem sauberen Blattstoß gefällt zu Boden taumeln zu sehen, doch einer der Hunde kam dazwischen. Nicht von dem tobenden Giganten ablassend, griff er erneut an, und drängte den Keiler aus seiner Bahn. Das Blatt der Lanze verletzte das Hauptschwein an der Schulter bevor sie abbrach. Doch nun war das Tier wirklich in Raserei. Mit einem Schütteln entledigte es sich des Hundes und wandte sich nun seinem menschlichen Feind zu.

Athos sah wie sich die Lage für de St. Clair zuspitzte und versuchte mit einem gewagten Wurf seiner Jagdwaffe das Schwein zu töten oder wenigstens abzulenken, aber er verwundete den Keiler nur, ohne dass dieser auch nur für einen Augenblick von seinem Ziel – de St. Clair – abließ. Dieser hatte mit der Kühle eines erfahrenen Jägers reagiert. In seinen Händen war die einzige ihm verbliebene Waffe: sein Hirschfänger. Ein Nichts gegen das tobende Hauptschwein. Die Füße in einigem Abstand auf dem Boden, die Knie federnd, wartete er auf den Angriff des Keilers. Alles ging so schnell, dass Athos kaum sah wie es passierte, der Keiler lief gegen den Mann an, und Augenblicke später grub sich der Hirschfänger hinter dem Kopf in den Rücken des Tieres und durchtrennte knackend das Rückgrat. Der Keiler brach so rasch zusammen, dass de St. Clair kaum noch zur Seite springen konnte.

„Ich danke Euch, für die Warnung und den Versuch mir zu helfen.“ Athos hatte keinen Zweifel, dass de St. Clair meinte was er da sagte, aber dennoch fühlte er sich unbehaglich. Irgendwie beunruhigte ihn diese Jagd, je länger er sie erlebte. Ganz verstand er es selbst nicht. Als junger Mann war er ein leidenschaftlicher Jäger gewesen. Doch jetzt stieß ihn das fröhliche Funkeln in de St. Clairs Augen ab. Nicht, dass der Mann nicht sehr schnell und mit können reagiert hatte, aber.... irgendwie erinnerte er Athos an ein oder zwei unangenehme Charaktere in Paris, die mit der selben Haltung Menschen getötet hatten. Sein Blick fiel auf den toten Keiler, der wahrscheinlich ein wenig zu alt war um mit Genuss gegessen zu werden und je länger er ihn ansah, desto mehr erschien es ihm unfair, dass jemand wie de St. Clair oder auch er selbst, seine tödlichen Fähigkeiten an diesem Tier bewiesen hatte. „Ihr braucht mir nicht zu danken, Monsieur.“, erwiderte er schließlich, dann wandte er sich hastig ab, vorgeblich um den Hunden, die erneut anschlugen zu folgen.

***

Wenn das Jägerlatein von Monsieur de St. Remy schon unerträglich war, dann war seine Aufschneiderei noch unangenehmer. Jedenfalls fand Maurice de St. Clair das, als man sich auf der großen Lichtung wiedertraf. Die Sonne stand schon tief und die Strecke war recht beachtlich. St, Remy hatte einen scharfen Blick auf den alten Keiler geworfen und lächelte leutselig. „Ihr habt ein Talent für die Jagd, Monsieur St. Clair. Ich gestehe ich bin überrascht. Das zweitstärkste Schwein des heutigen Tages, für jemanden der sich so wenig mit dieser edlen Kunst abgegeben hat, ist fast ganz erstaunlich.“

Maurice hob die Augenbrauen. „Das zweitstärkste?“, fragte er und bereute es gleichzeitig. Warum musste er den Gastgeber beleidigen? Er konnte genauso gut vorgeben, dass jener Keiler – ein armer Jährling – dort drüben größer und prächtiger war.

St. Remys Lächeln verriet, dass ihn die Frage freute. „Eine Bache, ein wahrhaft gigantisches Tier, das ich gestreckt habe.“, gab er zurück. „Sie lief noch einige Schritt bevor sich zusammenbrach, so stark war sie. Die Diener müssen sie jeden Augenblick bringen.“ Wie auf das Stichwort erschienen einige der Jagtknechte mit leeren Händen auf der Lichtung. „Wo ist das Schwein?“ herrschte St. Remy sie an.

„Oh Monsieur le Comte, es war nicht dort...“ begann der Diener stotternd. Er kannte die Jagdleidenschaft seines Herren ebenso wie dessen notorisches Unglück und seine Ungeduld.

Ärgerlich winkte St. Remy ihn zur Seite. „Wenn er zu dumm ist ein großes totes Wildschwein im Walde zu finden, werde ich selbst gehen. Halte er sich bereit, wenn er gerufen wird.“ Er sah zu St. Clair. „Wenn Ihr mir die übergroße Freude machen würdet mich zu begleiten?“

De St. Clairs Bedarf an Jägerlatein, Angeberein und nicht besonders gelungenen Anekdoten war eigentlich gedeckt, aber sein Blick fiel auf die Jagdgesellschaft und dort fiel ihm etwas auf, dass ihn dazu bewog es sich anders zu überlegen. „Selbstverständlich, Monsieur, wenn Ihr es so wünscht.“

***

„Hier seht... die Bache hat geblutet.“ De St. Remy deutete auf eine vage Spur und etwas Blut nahe des dicken Buchenstammes. „Sie ist weiter gelaufen als ich glaubte.“

Maurice de St. Clair betrachtete die Spur und hatte Mühe seinen Begleiter nicht anzufauchen. Wenn dies die Spur eines Wildscheins war, dann wollte er bis zum Ende seines Lebens freiwillig Wächter in der Bastille werden. „Seid Ihr Euch ganz sicher, dass dies die richtige Fährte ist?“, erkundigte er sich.

St. Remy lachte beinahe väterlich. „Ich sehe die Jahre Eures Dienstes haben Euer Auge verdorben, mein junger Freund. Dies ist höchst eindeutig die Spur der Bache. Nur leider verliert sie sich hier.“ Bedauernd deutete er auf das Gelände vor ihnen, dessen harter Boden ihnen keinen Hinweis gab, wohin die Bache geflohen war.

Maurice sah auf. „Vielleicht können wir uns trennen. Ihr schaut ob die ‚Bache’ sich in den Hang geschlagen hat, ich suche unten am Fluss.“, schlug er vor.

Seinem Gegenüber war die merkwürdige Betonung aufgefallen. „Ihr werdet doch nicht eifersüchtig auf meinen Erfolg werden, mein junger Freund? Es ist keine Schande auf seiner ersten Jagd seit über zehn Jahren von einem erfahrenen Jäger übertroffen zu werden.“

Es gelang dem jüngeren Mann geradeso ein maliziöses Lächeln zu unterdrücken. „Aber sicher nicht.“. gab er zurück. „Wir sollten uns beeilen. Die Sonne sinkt schon bald.“

St. Remy stimmte zu und verschwand bald schon in dem waldigen Hang. Maurice wartete bis der Comte sicher verschwunden war, ehe er sich noch einmal kurz hockte, die Spur studierte und dann leichtfüßig der Fährte in Richtung des Flusses folgte. Er brauchte nicht weit zu laufen um den Verwundeten zu finden. Der Comte de la Fère saß unterhalb einer gewaltigen alten Ulme, nahe des Flusses. Der Jagdspieß, zum Glück war es nicht die Saufeder gewesen, hatte sein linkes Bein durchbohrt. Er blutete stark und musste große Schmerzen haben. Dennoch hatte er seine leichte Jagdarmbrust bei sich, bereit sich zu verteidigen.

Maurice blieb stehen als er die Waffe sah. „Keine Sorge, der große Jäger sucht seine Bache woanders.“, versuchte er einen halben Scherz, der seine Erschrockenheit überspielen sollte.

Der Graf de la Fère senkte die Armbrust. „Ich wusste nicht... ob es ein Angriff war.“, sagte er entschuldigend. Trotz seiner Verwundung sprach er so ruhig und gefasst, als wäre nichts geschehen, wie Maurice bewundernd vermerkte. Er eilte zu dem Grafen hinüber und hockte sich. Vorsichtig untersuchte er die Wunde. Der Jagdspieß war abgebrochen oder abgebrochen worden, aber sein Blatt steckte noch in dem Bein. Blut lief aus der Wunde über den Waldboden und in dass Laub. „Das Blatt ist glatt durchgegangen, eine Fleischwunde.“, sagte Maurice leise. „Wenn Ihr erlaubt, dann entferne ich den Rest des Spießes und verbinde die Wunde notdürftig.“

Der Graf hob leicht die Augenbrauen. „Habt Ihr den bei Euch was es dafür braucht?“ erkundigte er sich. „Ihr scheint stets gut vorbereitet zu sein.“

Maurice schüttelte den Kopf. „Als ich sah, dass Ihr nicht bei der restlichen Gesellschaft wart und St. Remy von seiner Bache faseln hörte, ahnte ich nichts gutes.“, erwiderte er, als er begann sich der Wunde anzunehmen. „Und wo mehr als zwei Männer mit scharfen Waffen spielen, sollte man stets Verbandszeug zur Hand haben, oder?“

Ein wenig horchte Athos auf. „Das klingt wie die Weisheit eines alten Soldaten.“, er sprach ganz normal, obwohl St. Clair eben das Blatt der Jagdwaffe aus dem Bein entfernte.

Die Antwort erfolgte nicht sofort, denn St. Clair verband die Wunde rasch und war zu konzentriert. Schließlich sah er auf. „Allerdings. Ihr solltet es auch wissen, ...“

„Monsieur!!“, unterbrach ihn eine laute und sehr aufgeregte Stimme aus den Büschen, als jemand gewaltsam gleich einem wütenden Keiler durchs Unterholz brach. „Habt Ihr die Sau gefunden?“

Spöttisch sah St. Clair zu Comte de St. Remy als dieser herankam. „Richtig. Athos heißt die Sau. Wir haben ihn. Ihr seid wahrhaft ein erfahrener Jäger.“, seine Stimme war voller Ironie, die an sein Gegenüber nicht verfehlt war.

***

Porthos schlug sich lachend auf die Schenkel als Athos die Geschichte beendete. Der Graf de la Fère musste noch auf dem Chaislongue sitzen und sein verwundetes Bein schonen. „Eine Bache...“ Porthos konnte kaum aufhören mit Lachen. „Also ich sehe schon, Athos, mit dem weiblichen Geschlecht habt Ihr, wie immer, Pech.“

Athos musste leise lächeln. „Ich werde mich in Zukunft von derlei Vergnügen fernhalten.“ Sein Lächeln vertiefte sich. „Doch ich muss Euch schelten, mein Freund. Ihr habt mich gröblich belogen.“

Porthos sah empört auf. „Ich? Wie könnt Ihr das behaupten...?“ Er sah Athos hintergründiges Lächeln und hielt inne.

„Ihr habt behauptet das Leben eines Landadligen sei langweilig.“ Stellte Athos fest.