Sébastian de Bélier von andrea

Die Tochter und der Sohn des Herrn de Bélier

Die drei Geschenke des alten d'Artagnan

... Madame d'Artagnan dagegen war eine Frau und außerdem die Mutter. Sie weinte fassungslos, und zum Lobe des jungen d'Artagnan müssen wir sagen, dass er trotz aller Anstrengung, fest zu bleiben, wie es sich für einen zukünftigen Musketier gehörte, schließlich seiner Natur erlag: Tränen, die er nur mühsam verbergen konnte, traten ihm in die Augen. Nachdem er also von beiden Eltern auf so unterschiedliche Weise Abschied genommen hatte, ging er zur Koppel um sein "Pferd" zu satteln. Während er das tat verfinsterte sich aber plötzlich, wie durch einen düsteren Gedanken, sein Gesicht und der junge Mann ließ sich nachsinnend zu Füßen einer großen Pinie nieder.

Die Tochter und der Sohn des Herrn de Bélier

Es war Anfang Juni gewesen. Die Sonne brannte unerträglich vom wolkenlosen Himmel und unser junger Freund saß mit einem breitkrempigen Hut eben unter jener alten Pinie unter der er jetzt platzgenommen hatte um über die Ereignisse der letzten Monate nachzudenken. Rosinante stand mit ein paar anderen Pferden auf der Koppel und zupfte an dem verdörrten Gras. Doch die Stille, welche zu dieser Stunde über den weiten Ebenen der Gascone lag und
d'Artagnan zu einem kurzen Mittagsschläfchen verleitet hatte, wurde plötzlich gestört.
"D'Artagnan", rief eine etwas schrille Frauenstimme, "D'Artagnan, komm doch mal bitte!"
Dieser, durch den Ruf geweckt, in welchem er die aufgeregte Stimme seiner Mutter erkannt hatte, stand etwas mühsam und unwillig auf und lief zu dem kleinen Pavillon, der dem Haus nahe stand und aus dem die Aufforderung ertönt war. Er trat ein, und da er nicht nur seine Eltern, sondern auch einen Gast, einen Edelmann in ordentlicher und sauberer Kleidung, dessen ergraute Haare jedoch zeigten, daß seine besten Jahre schon der Vergangenheit angehörten, sah, grüßte er die Anwesenden und blieb im Türrahmen stehen.
"Komm ruhig näher, mein Sohn", sagte d'Artagnans Vater freundlich, " Der Graf de Bélier hat uns die Freude eines Besuchs gemacht und möchte dir nun etwas mitteilen."
"Tja, junger Freund", begann nun der alte Graf, "Wir wollen nicht lange um die Sache herum reden, denn ich bin kein Freund von langen Gesprächen. Meine Tochter ist nun im heiratsfähigen Alter und da die Grafschaften Bélier und Artagnan in nächster Nachbarschaft liegen, dachte ich mir, die junge Valérie de Bélier könnte wohl Madame Valérie d'Artagnan werden."
"Schon", meinte d'Artagan etwas naiv, "aber dazu müßte ich ja Fräulein Valérie heiraten."
"Darum geht es ja", erwiderte der Graf de Bélier mit Nachdruck und etwas erstaunt, daß seine Worte so wenig Verständnis gefunden hatten. Doch was jetzt geschah, hatte er sicherlich noch viel weniger erwartet.
Der junge Mann, der sein Schwiegersohn werden sollte, brach nämlich in ein ungekünsteltes, schallendes Gelächter aus. "Ein wirklich guter Witz, ich soll Valérie de Bélier heiraten, wirklich gut." Doch als er merkte, daß niemand so recht mitlachen wollte, verzog sich das breite Grinsen schnell wieder von seinem Gesicht. "Das war kein Scherz?" fragte er etwas betreten.
"Nein, Monsieur d'Artagnan", meinte de Bélier ernst, "Ich bin mir auch eigentlich nicht darüber im Klaren, warum eine Heirat mit meiner Tochter so lustig wäre."
D'Artagan übersah den warnenden und zugleich bittenden Blick, den ihm sein Vater zuwarf, welcher wohl genau wußte, was sein Sohn jetzt sagen würde, und sprach: "Aber Herr Graf, jeder im Umkreis würde mich auslachen. Eure Tochter hat ja vielleicht viel Geld, aber wenn ich mir vorstelle, daß ich jeden Tag in dieses häßliche Gesicht..."
"Was!" rief der Graf auffahrend. "Ihr sagt, meine Valérie wäre häßlich?"
"Nun, Herr Graf", meinte d'Artagan, der die Bestürzung seiner Eltern und die Wut des Grafen gar nicht wahrzunehmen schien, mit der größten Ehrlichkeit. "Die Hasenscharte und den Silberblick könnte man ja vielleicht mit einem dicken Schleier verdecken, aber den Klumpfuß und..."
"Jetzt reicht es aber, junger Mann! Ihr beleidigt meine Tochter und scheint Euch nicht einmal dafür zu schämen."
"Wieso sollte ich mich für die Wahrheit schämen, Herr de Bélier?"
Noch bevor sich der Graf auf d'Artagan stürzen konnte, stellte sich sein Vater vor ihn.
"Entschuldigt, Herr Graf", sagte er. "Mein Sohn ist noch ein halbes Kind, er ist naiv und weiß nicht immer, was er tut.”
"Hoffentlich weiß er recht gut, wie man den Degen führt."
"Natürlich weiß er das, aber Ihr werdet Euch doch nicht herablassen, noch dazu wegen solch einer Kleinigkeit..."
"Oh doch", meinte der Graf kühl zu dem besorgten Vater. "Ein Duell. Aber nicht ich werde gegen dieses Kind kämpfen, sondern mein Sohn. Sébastian ist gerade aus Paris zurückgekehrt, er wird die Ehre seiner Schwester schon zu verteidigen wissen. Lebt wohl." Mit diesen Worten drehte der Graf de Bélier sich ruckartig um und verließ hocherhobenen Hauptes das Anwesen der d'Artagnan. Als er weg war, wandte sich der alte d'Artagnan ernst seinem Sohn zu. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, ergriff der junge Mann das Wort. "Ihr habt gesagt, ich soll immer die Wahrheit sagen, Vater, ein echter Edelmann sagt immer die Wahrheit."
"Ich weiß, mein Sohn, aber es gibt Notlügen. Die wendet man an, um höflich zu sein oder um zum Beispiel einem Freund zu helfen, der in der Klemme sitzt, verstehst du?"
"Natürlich, aber das hätte ich früher wissen müssen. Sagt mir doch Vater, wer ist eigentlich dieser Sébastian de Bélier, mit dem ich die Ehre haben werde, mich zu schlagen?"
"Sébastian ist Soldat beim König und hat gute Chancen, demnächst Musketier zu werden, er versteht es recht gut zu fechten."
"Nun", meinte d'Artagan. "Ihr habt mich gelehrt, den Degen zu führen und ich beherrsche die Finten und Paraden wie weit und breit kein anderer, habt Ihr gesagt, Vater."
"Ja, das habe ich gesagt und ich setze viel Vertrauen in deine Kampfkunst", sagte der alte Mann nicht ohne Zuversicht, während er einen Brief aufhob und las, der gerade unter der Türschwelle durchgeschoben worden war. "Morgen früh, auf der Freifläche zwischen Bélier und dem Weingut ‘Lucien’, keine Sekundanten. Viel Glück, mein Sohn."
Am nächsten Tag in aller Frühe, als das Gras noch naß vom Tau war, die aufgehende Sonne aber bereits einen heißen Tag verriet, trafen auf der Ebene hinter dem Weingut "Lucien" zwei junge Männer aufeinander, verbeugten sich kurz und gingen mit ihren gezogenen Degen in die Sixteinlage. In dem einen dieser Männer erkennen wir natürlich unseren jungen Freund d'Artagnan. Sein Gegenüber mochte ungefähr 23 Jahre alt sein. Er hatte ein längliches Gesicht, blondes Haar und schöne blaue Augen, die aber etwas zusammengekniffen wirkten und dadurch eine gewisse List verrieten. Dieser mittelgroße, schlanke Mann, dem d'Artagnan zwar nicht mit Angst aber mit Achtung gegenübertrat, war also Sébastian de Bélier. Gerade sollten sich die Klingen kreuzen und damit das Duell eröffnen, da zog Sébastian zum Erstaunen d'Artagans seinen Degen zurück.
"Eine Frage noch, junger Freund, bevor wir uns die Köpfe einschlagen", begann er. "Was verschafft mir eigentlich das Vergnügen eines Kampfes mit Euch?"
D'Artagnan war etwas erstaunt über diese Frage, aber da er in den freundlichen Worten keinerlei Ironie oder gar eine versteckte Beleidigung finden konnte, antwortete er höflich: "Ich verschaffe Euch dieses Vergnügen, mein Herr. Euer Vater hat mich gefordert, weil ich Euer Fräulein Schwester beleidigt habe."
"Was habt Ihr denn gesagt?"
"Ich meinte, sie habe einen Silberblick, eine Hasenscharte und einen Klumpfuß."
"Das habt Ihr wirklich gesagt?" fragte Sébastian lachend, während er seinen Degen einsteckte und dem erstaunten d'Artagnan freundschaftlich die Hand reichte. "Ein wahres Meisterstück, mein Freund, besser hätte ich es selbst nicht ausdrücken können. Aber das reicht ja noch nicht, Ihr solltet ihre Ohren sähen, wenn sie wollte, könnte sie damit durch die Lüfte segeln wie ein Schmetterling, so groß sind sie."
"Herr de Bélier", erwiderte d'Artagnan, der gar nicht fassen konnte, wie Sébastian über seine eigene Schwester redete. "Beherrscht Euch ein wenig, sie ist schließlich Eure Schwester!"
"Ihr habt recht, d'Artagnan. So war doch Euer Name, nicht wahr? Ich vergesse manchmal meine guten Manieren, als Soldat achtet man nicht so auf die Etikette. Aber setzen wir uns doch, es ist so unbequem, ein Gespräch im Szu führen." Mit diesen Worten ließ Sébastian sich ins Gras fallen und d'Artagnan tat es ihm gleich. In dem jungen Mann war die Neugierde aber auch die Bewunderung für diesen Soldaten erwacht, der so überhaupt nicht dem entsprach, was er sich unter einem höflichen, zuvorkommenden Kavalier, baldigen Musketier und schon gar nicht unter dem Sohn des Grafen de Bélier vorgestellt hatte.
"Ihr kommt also aus Paris?" fragte er darum höflich, um das begonnene Gespräch wieder aufzunehmen.
"Jawohl, wollt Ihr wissen, wie es dort ist?"
D'Artagnan nickte.
"Paris", fing Sébastian begeistert an, "Paris ist das Herz Frankreichs, gar nicht zu vergleichen mit dieser Einöde. Man betritt die Stadt und alles ist voller Menschen und Tieren und Fuhrwerken. Es gibt dort an jeder Ecke Marktstände und schöne Frauen und Wirtshäuser und mitten in diesem Gewühl sieht man die blitzenden Degen und blauen Uniformen der königlichen Musketiere. Wahrscheinlich werde ich auch bald eine solche Uniform tragen, jawohl. Ihr kennt wahrscheinlich den Spruch: Steh ich im Feuer, mein ist die Welt, bin ich vielleicht nicht Offizier, so bin ich doch ein Musketier. Und Ihr junger Freund, was wollt Ihr mit Eurem künftigen Leben anstellen?"
Für d'Artagnan, der eben noch mit seinen Gedanken in Paris gewesen war, kam diese Frage etwas unvorbereitet. "Ich, was ich in Zukunft machen werde?"
"Ja, Ihr wollt doch nicht Euer ganzes Leben auf dem Anwesen Eures Vaters fristen."
"Nein, natürlich nicht", bekräftigte d'Artagnan, der, um genau zu sein, eigentlich noch gar keine Ahnung von seiner Zukunft hatte und schon gern noch ein paar Jahre auf dem Anwesen seines Vaters verbracht hätte.
"Da bleiben ja bloß noch zwei standesgemäße Möglichkeiten. Entweder Ihr widmet Euch Gott und werdet Abbé, wovon ich Euch allerdings abraten würde."
"Wieso?"
"Als ich es versucht habe und von einem Abbé die Lehre unseres Herrn unterrichtet bekam, guckte mich mein Lehrer immer so komisch an, versteht Ihr?"
"Nein."
"Nun, der liebe Abbé liebte keine Frauen sondern Männer, d'Artagnan."
"Wahrhaftig?"
"Jawohl, und weil ich das nicht tue, trat ich schnell wieder von meinem Entschluß, Geistlicher zu werden, zurück."
"Dann blieb noch die zweite Möglichkeit."
"Genau, ich bin also Soldat Seiner Majestät Ludwig XIII geworden, um ihn und Frankreich zu schützen."
"Ich werde auch Soldat des Königs!" rief d'Artagnan begeistert. "Ich komme mit Euch nach Paris."
"Einverstanden, aber bis dahin haben wir noch einen ganzen wundervollen Sommer vor uns, ich muß erst in einem Vierteljahr wieder in Paris sein.

Vater und Sohn

Erst am späten Nachmittag kam Sébastian nach Hause, wo ihn sein Vater schon ungeduldig erwartete. "Nun mein Sohn, du kommst spät. Hast du den Schuft, der deine Schwester so schwer beleidigt hat, zu Boden gestreckt?"
"Es hat kein Duell stattgefunden, Vater", erwiderte Sébastian und ließ sich nachlässig in einen großen Lehnstuhl sinken.
"Er hat also freiwillig aufgegeben und sich entschuldigt, der Feigling."
"Nein."
"Er ist erst gar nicht gekommen?"
"Auch nicht."
"Was ist denn geschehen, rede doch!"
"Ich habe meinen Degen zurückgezogen."
"Wie? Ich glaube, ich habe nicht recht verstanden."
"Ihr habt schon richtig gehört. Ich habe meinen Degen zurückgezogen, weil ich ein Duell nicht für nötig hielt."
"Ob ein Duell nötig ist oder nicht, entscheide immer noch ich, junger Mann."
"Da liegt, glaube ich, ein kleines Mißverständnis vor, Vater. Denn ich führe kein Duell ohne Grund", sagte Sébastian gelassen. "Wenn Ihr anderer Meinung seid, hättet Ihr Euch vielleicht einem Kampf stellen sollen."
Der Graf de Bélier, der diese Frechheiten seines Sohnes nicht länger auf sich sitzen lassen wollte, sprang hochrot vor Wut auf und begann zu zetern. "Ich weiß nicht, wo deine Manieren geblieben sind, junger Mann. Früher hast du deinem Vater besser gehorcht, besonders wenn es um die Ehre deiner Schwester ging."
"Meine Manieren habe ich wahrscheinlich in Paris vergessen, Vater", erwiderte Sebastian über die Wut seines Vaters belustigt.
"Du bist das Ebenbild deiner Mutter, Gott sei ihrer Seele gnädig", schimpfte der alte Graf. "Die hatte auch manchmal die Meinung, daß sie mir widersprechen müßte."
Sébastian wurde mit einemal ernst, fast drohend. "Laßt meine Mutter aus dem Spiel."
Doch der Graf war in seiner Wut nicht mehr zu bremsen. "Weißt du, wie ich sie gezüchtigt habe, Sebastian? Sie hat ihren eigenen Willen sehr schnell wieder vergessen."
"Holt nur Eure Rute", sagte der junge Mann kalt. "Mir könnt Ihr meine Meinung nicht ausprügeln."
"Wir werden sehen", erwiderte der Alte, nahm einen Stock von seinem Schreibtisch und wollte damit auf seinen Sohn losgehen. Doch dieser fing den ersten pfeifenden Hieb mit seiner Hand ab und riß seinem Vater den Stock aus der Hand. "Ihr müßt doch wirklich glauben, daß ich mich wie eine wehrlose Frau verprügeln lasse", meinte Sébastian zähneknirschend. "Die bin ich aber nicht. Wollt Ihr wissen, wie Mutter sich immer gefühlt hat, wollt Ihr das?" Sébastian holte aus, um die Rute auf seinen Vater niedersausen zu lassen, besann sich aber. "Doch nein, ich wäre keinen Deut besser als Ihr oder als Euer Vater oder als dessen Vater und ich wünsche dem geringsten Tier nicht so zu sein wie Ihr." Mit diesen Worten zerbrach Sébastian den Rohrstock über seinem Knie und ließ den alten Mann allein im Zimmer zurück.

Ein Sommer in der Gascogne

Die beiden jungen Männer, die das Schicksal auf so komische Weise zusammengeführt hatte, waren seit diesem Tage unzertrennlich. D'Artagnan sah Sébastian als Lehrer und Vorbild an, Sebastian den jungen Mann als Freund und kleinen Bruder. Zusammen durchstreiften sie manchmal tagelang die hügelige Landschaft ihrer Heimat und gemeinsame Jagden führten beide oftmals fast bis an die Vorgebirge der Pyrenäen und in die grünen Wälder des Rhône-Tals. Die Zeit verging sehr rasch, wenn Sebastian im Schatten eines Baumes von seinen Abenteuern als Soldat erzählte oder die beiden in die umliegenden Dörfer zum Tanz und Würfelspiel ritten.
Eines Tages, als beide sich gerade im Wirtshaus eines nahgelegenen Städtchens befanden, entstand ein merkwürdiges Getöse, und als Sébastian den Wirt fragte, was los wäre, erklärte dieser, daß jeder, der Beine zum Laufen hätte, sich jetzt auf den Marktplatz begeben würde, um dort einer Hinrichtung beizuwohnen. Auch die beiden jungen Männer begaben sich zum Platz, blieben aber in einiger Entfernung stehen.
"Es ist einfach widerlich, wie sich der Pöbel drängt, um bei dieser Bluttat möglichst in der ersten Reihe zu stehen", begann Sébastian das Gespräch. "Hörst du, wie sie schreien, d'Artagnan?"
"Ja, man bringt den Verurteilten."
"Das Opfer", erwiderte Sébastian und wies auf ein junges Mädchen, das unter dem Gebrüll und den Verwünschungen der Menge halb besinnungslos zum Galgen geschleppt wurde.
"Großer Gott, was kann dieses Geschöpf denn getan haben, daß es so einen Tod verdient hätte?" fragte d'Artagnan voller Mitleid seinen Begleiter.
Noch einmal hob Sébastian die Hand und deutete auf das Schild, welches der Verurteilten um den Hals hing und auf dem mit großen Lettern "Kindsmörderin" stand.
"Warum sollte dieses Mädchen ein Kind töten, sie ist doch selber fast noch eins, mein Freund?"
"Es ist die alte Geschichte", fing dieser an. "Ein junges Mädchen aus dem Volk wird von einem Adligen mit der Lüge der ewigen Liebe verführt. Die Unglückliche wird schwanger, und von der Familie verstoßen, vom Dorf verlacht und verschrien und schließlich vom Geliebten verlassen, bringt sie das Kind allein zur Welt und sieht in dieser Lage keinen anderen Ausweg, keine Zukunft für sich und das Kind, tötet und verscharrt den Säugling und stirbt selbst, geächtet und bespuckt vom Pöbel am Galgen, auf dem Rad oder durch den Schwertstreich des Henkers."
D'Artgnan war während dieser Erzählung immer blasser geworden, es war für den jungen Mann vollkommen unverständlich, wie ein solches Unrecht überhaupt geduldet werden konnte.
Derweil war das Mädchen unter den Verschmähungen des Volkes auf das Holzgestell des Galgens gestiegen, der Henker legte ihr den Strick um und zog schließlich den Holzblock unter ihren Füßen weg. Nach einem kurzen Moment der Stille jubelte die Menge plötzlich auf. Der Ruck der Schlinge hatte der Verurteilten das Genick nicht gebrochen, so daß sie unter dem Gebrüll der Menschen, die sich an dem schrecklichen Geschehen gar nicht sattsehen konnten, nun einen minutenlangen, qualvollen Todeskampf durchmachte, bis der Strick um ihren Hals sie irgendwann vollends erstickt hatte.
D'Artagnan hatte sich halb betäubt von dem Gesehenen an die Schulter seines Freundes gelehnt und kämpfte mit den Tränen. Es war das erste Mal gewesen, daß er einer Hinrichtung beigewohnt hatte.

Ein unfaßbares Ereignis

Die Zeit heilt die Wunden, wenn sie auch kaum sichtbare Narben hinterläßt und nach einem Monat hatte d'Artagnan die Hinrichtung überwunden und seine frühere Fröhlichkeit wiedergewonnen. Es blieb für ihn auch kaum Zeit zum Nachdenken, denn der Abschied von seiner Heimat stand kurz bevor. Doch welcher Abschied ihm noch kurz bevor stehen sollte, konnte er nicht ahnen.
Eine neue Beschäftigung, welche die beiden Freunde sich ausgedacht hatten, war das Wettreiten. Auf kurzen Strecken wurden den Pferden die Zügel gelassen und sie galoppierten um die Wette bis ins Ziel. Dieses Spiel machte beiden viel Freude, obwohl Sébastian, der eindeutig bessere Pferde besaß, meist der Erste war. So war es auch an einem Tag im August gewesen und da die Sonne auch jetzt noch um die Mittagszeit unerbittlich schien, hatten die Freunde ihre Reitstrecke von der geraden Landstraße zwischen Artagnan und Bélier in ein kleines Wäldchen verlegt, in dem die Bäume Schatten auf die Straße warfen, welche jedoch kurz vor dem Ziel eine kleine Kurve beschrieb.
Schon kurz nach dem Start lag d'Artagnan zwei Längen hinter Sebastian, was ihn jedoch nicht störte, seinen Weg im gestreckten Galopp fortzusetzen. Was ihn störte, war nur ein etwas herunter hängender Ast, der ihm beim durchreiten den Hut vom Kopf fegte. Der junge Mann gab sich geschlagen, zügelte sein Pferd und sah noch zu, wie die Staubwolke, die Sébastians Araber beim Lauf aufwirbelte, hinter der Kurve verschwand. Dann stieg er ab und ging zurück, um seinen Hut von der Straße aufzuheben, als sich plötzlich nicht weit entfernt ein Schuß löste, bei dessen Krachen Vogelschwärme aus den Bäumen herausflogen. Der Schuß war noch nicht verhallt, als d'Artagnan sich schon aufs Pferd schwang und im gestreckten Galopp um die Kurve jagte, hinter der Schuß ertönt war.
Sébastian stand mit gezogenen Degen, welchen er jedoch in der linken anstatt in der rechten Hand hielt, auf der Straße. Sein rechter Arm hing ausgekugelt und unbrauchbar von seiner Schulter herab. Doch der junge Mann schien die Schmerzen, die ihm dieser Arm bereiten mußte, gar nicht zu bemerken. Er hatte nur Augen für sein Pferd, das regungslos zu Füßen seines Besitzers lag.
Dieser Anblick bot sich d'Artagnan als er seinen Freund erreichte. Er stieg ab und wollte gerade zu sprechen anfangen, als Sébastian das Wort ergriff. "Mein Pferd, die haben mein Pferd erschossen."
D'Artagnan hörte diese Worte und den begleitenden verständnislosen Blick seines Freundes mit großer Sorge. "Wer hat dein Pferd erschossen?"
"Mein schönstes Pferd, und sie haben es einfach erschossen, d'Artagnan."
Dieser begriff den Schockzustand Sébastians und wiederholte daher nochmals sehr eindringlich seine Frage, indem er heftig an der Schulter des jungen Mannes rüttelte. Und wirklich schien dieser aus seinem Trancezustand zu erwachen. "Vier Männer waren es. - Der Schuß kam für mich vollkommen unvermittelt und als mein Pferd stürzte, schlug ich mit auf den Boden auf. Dann kamen sie aus dem Gebüsch hervor - und drangen auf mich ein. Sie hatten vielleicht nicht erwartet, daß ich mich noch zur Wehr setzen würde. Zwei sind auf der Strecke geblieben, die anderen geflohen."
Wirklich sah d'Artagnan zwei der Wegelagerer tot in ihrem Blut auf der Straße liegen. Doch seine Aufmerksamkeit wurde bald wieder von den beiden abgelenkt, denn eben krümmte sich Sébastian in einen heftigen Hustenanfall. Besorgt legte d'Artagnan seine Hand auf die Schulter des Freundes, zog sie aber sofort wieder zurück und starrte sie an. Seine Hand war rot vor Blut, welches die dunkle Reitweste Sébastians vollkommen durchnässt hatte. Dieser hatte zu husten aufgehört und war sehr blaß geworden. D'Artagnan sah die Gefahr und kam gerade noch rechtzeitig, um den jungen Mann zu stützen, der schwer in die Arme seines Freundes sank.
D'Artagnan legte ihn auf das Moos am Straßenrand und bemühte sich inständig, Sébastian wieder zu Bewußtsein zu bringen, was ihm auch gelang, denn nach einigen Minuten schlug dieser die Augen auf und blickte fragend um sich. "Was, was ist denn passiert?"
"Du bist verwundet, mein Freund, aber sei guten Mutes, die Wunde kann so schlimm nicht sein."
Sébastian lachte kurz auf, obwohl das Lachen von einem erneuten Husten begleitet wurde und setzte sich keuchend auf. "Das nennt man Ironie, d'Artagnan, du zitierst Shakespeare. Und weißt du, welche Szene? Die Szene von Mercutios Tod."
D'Artagnan überging diese Bemerkung, obwohl es ihm bei dem Wort "Tod" seines Freundes kalt den Rücken herunter lief. "Es ist jetzt keine Zeit für Poesie, wir müssen den Blutfluß stoppen." Mit diesen Worten begann er, die Weste Sébastians aufzuknöpfen. Doch dieser hielt ihn zurück. "Laß, es hat keinen Zweck."
"Aber..."
"Es hat keinen Sinn", sagte Sébastian eindringlich und zeigte d'Artagnan seine blutverschmierte Hand. "Siehst du das? Wenn ich huste, spucke ich Blut, verstehst du? Die Lunge ist verletzt", setzte er mit einem bitteren Lächeln hinzu. "Selbst wenn du die Wunde verbändest, würde ich innerlich verbluten." Dann schloß er die Augen und ließ sich seufzend zurückfallen.
D'Artagnan, der den Tränen nahe war, ergriff plötzlich die Angst, daß dies der letzte Seufzer seines Freundes gewesen sein könnte und fing deshalb an, heftig an ihm zu rütteln. "Großer Gott, Sébastian, ich beschwöre dich, du darfst jetzt nicht sterben. Laß mich nicht mit der Gewißheit allein, daß ich an deinem Tod schuld bin."
Durch die verzweifelten Worte seines Freundes belebt, schlug dieser noch einmal die Augen auf. "Wieso solltest du an meinem Tod schuld sein?" fragte er mit schwacher Stimme.
"Ich war nicht da, um dir zu helfen, ich..."
"Schsch, ganz ruhig, mein Freund. Du darfst dir keine Schuld einreden. Gott will mich im Himmel sehen und ich werde dahin gehen. Aber weißt du, was du tun wirst, d'Artagnan? Du gehst nach Paris und wirst Musketier, so wie ich Musketier werden wollte. Versprich es mir!"
"Nein, nein, Sébastian", erwiderte d'Artagnan in der höchsten Verzweiflung, "nein, du wirst nicht sterben, du wirst wieder gesund und wir gehen beide nach Paris..."
"Versprich es mir!" sagte Sébastian fest.
D'Artagnan schluchzte. "Ich verspreche es."
"Gut, dann laß uns jetzt ein wenig plaudern", meinte der Sterbende, dessen Ruhe den jungen Mann erschreckte. "Weißt du, d'Artagnan, meine Mutter erwartet mich dort oben. Sie ist bei der Geburt meiner Schwester gestorben. Das Kind, das sie gebar, war vollkommen entstellt. Mein Vater hatte sie noch während der Schwangerschaft mit dem Stock geprügelt. Ich war damals ein siebenjähriger Knabe und konnte ihr nicht helfen. Sie wird sich trotzdem freuen, mich zu sehen, ganz bestimmt." Nach diesen Worten schlossen sich seine Lippen, und die zum Himmel gerichteten Augen erstarrten.

Das unselige Städtchen Meung

Mit einem lauten Seufzer riß d'Artagnan sich aus den düsteren Gedanken, ohne die Tränen aufzuhalten, die bei der Erinnerung an den Tod seines Freundes aus seinen Augen gelaufen waren und sich nun den Weg über seine Wangen suchten. Nachdem Sébastian gestorben war, hatte d'Artagnan ihm die Augen geschlossen und ihn nach Artagnan gebracht, um von dort aus eine Nachricht an den Grafen de Bélier zu schreiben.
Vor einem Monat war Sébastian in der Familiengruft, neben seiner Mutter, bestattet worden. Sein Vater sollte ihm kein halbes Jahr später folgen. Man sagte, er wäre über den Tod seines einzigen Sohnes nicht hinweggekommen.
Valérie de Bélier trat nach dem Tode ihres Vaters in ein Kloster ein, um für das Seelenheil ihrer Familie zu beten.
D'Artagnan jedoch sollte sein Versprechen, welches er Sébastian gegeben hatte, halten. Er stand auf, sattelte sein Pferd und brach noch am selben Tag nach Paris auf, ausgerüstet mit den drei väterlichen Geschenken, die, wie gesagt, aus fünfzehn Talern, einem Pferd und einem Schreiben an den Herrn de Treville bestanden; nicht zu vergessen die guten Ratschläge, die ihm obendrein mit auf den Weg gegeben worden waren. ...