Sommerfrühstück von Percy

Sommerfrühstück

 

Der Tag versprach warm und sonnig zu werden. Geschäftig eilte er zwischen Küche und Terrasse hin und her.

Es sollte alles fertig sein, wenn sein Besuch erschien. Nicht noch so eine Diskussion über Tätigkeiten, die mit männlichem Stolz nicht vereinbar wären! Insbesondere d’Artagnans Spott fürchtete er. Der wortgewandte Gascogner würde dieses Thema sicherlich nur allzu gerne aufnehmen.

„KLABUMM!“

Er seufzte. Daß diese Raum-Zeit-Anomalie sich nicht leise öffnen konnte……

Auf dem Weg zur weit offen stehenden Haustür vernahm er von draußen einen unterdrückten Fluch: „Herrgottverdammich!“

„Aramis! Und das aus Eurem Munde!“ Er lächelte und begrüßte seine Gäste, wovon drei zurücklächelten und einer mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht seinen Knöchel rieb. „Ihr habt da eine böse Stolperfalle vor Eurer Tür!“

„Ich weiß! Ist nicht schön. Bin auch schon einige Male hineingetreten.“

„Tretet ein und fühlt euch wie zu Hause.“

Porthos hatte Wort gehalten und trug einen riesigen Korb voller Weinflaschen. Wenn sie die alle trinken würden….. dem Freund wurde Angst und Bange.

„Äh, darf ich euch zum Frühstück zunächst etwas Heißes zu trinken anbieten?

Kaffee, Tee, Schokolade?“

Die Augen der Musketiere wurden groß und rund. „Oh, solcherlei Luxus habt Ihr in Eurem Vorrat? Das ist ja beinahe unerschwinglich.“

Der Freund grinste. Daß diese Genußmittel mittlerweile zu den Grundnahrungsmitteln gehörten, würde er seinen Freunden nicht sofort auf die Nase binden.

„Ihr seid ein reicher Mann, wie es scheint!“ dröhnte Porthos wohlwollend und hieb ihm auf die Schulter, daß er fast zu Boden ging.

„Schokolade! Ich nehme Schokolade!“ entschied d’Artagnan begeistert. „Erinnert ihr euch noch an das Schokoladenfrühstück? Hmmm!“

„Dann nehme ich Kaffee. Ich bin der Älteste von uns, da bedarf ich seiner wohltuend belebenden Wirkung wohl am dringendsten!“ Athos zwinkerte belustigt.

„Jawohl! Den nehme ich auch! Schön stark!“ wählte Porthos.

Aramis zögerte. „Ach, Kaffee ist mir zu stark auf nüchternen Magen. Ich habe da wohl eine etwas zarte Disposition. Und Schokolade ist zu süß und macht womöglich dick….. Habt Ihr einen Tee, der mich belebt?“

„Gerne! Ich brühe für uns beide einen Schwarztee auf. Den mag ich morgens auch am liebsten.“

Während er sich anschickte, drei verschiedene Getränke gleichzeitig zuzubereiten, blieben seine Gäste fasziniert in der ohnehin engen Küche stehen und beobachteten alles.

„Sein Herd braucht kein Holz und keine Kohle, wißt ihr?“ erklärte Porthos gewichtig.

Alle schauten auf besagten Herd, der harmlos und unspektakulär da stand.

Währenddessen befüllte der Freund die Kaffeemaschine, setzte heißes Wasser im Fixkocher auf, öffnete den Kühlschrank, um Milch herauszuholen und stellte einen großen Becher Milch in die Mikrowelle.

„Äh, Ihr benutzt den Herd nicht?“ fragte Porthos verwirrt. Womit bekommt Ihr denn die Getränke heiß?“

„Diese Geräte machen die Getränke selbst heiß. Mit Strom.“

D’Artagnan zog die Augenbrauen hoch: „Mit Strom!? Gefährliche Sache! Ich kenn mich da aus!“ Er hielt bewußt Abstand von der Mikrowelle, die ihm am nächsten war.

Der Freund lachte: „Genau dieser Strom, allerdings wird er abgeschirmt und so in das jeweilige Gerät geleitet, daß niemand einen Stromschlag bekommt!“

D’Artagnan entspannte sich.

Mittlerweile waren alle drei Geräte in Betrieb, die Musketiere staunten ob ihrer Wirkungsweise. Das blaue Licht im Fixkocher, eine Spielerei des Herstellers, und das Geblubber der Kaffeemaschine samt dem köstlichen Duft, den sie verströmte, waren faszinierend. Aber am besten war der sich drehende Teller mit dem Becher in der Mikrowelle, den man so herrlich durch die Frontscheibe beobachten konnte.

Hier werden Männer zu Kindern, stellte der Freund schmunzelnd fest.

Er erinnerte sich daran, wie er bei einem Gegenbesuch staunend vor einem riesigen Kamin gestanden hatte, in dem ein ganzes Wildschwein an einem Bratspieß geröstet wurde, eifrig von Mousqueton betreut, der diese Aufgabe auf keinen Fall mit Bazin teilen wollte. Planchet und Grimaud verlegten sich daher wortlos auf die Versorgung mit Getränken und stiegen geschäftig in den Keller, um vollbeladen mit Flaschen wieder aufzutauchen.

Schließlich waren die Heißgetränke fertig und man begab sich auf die Terrasse und zu Tisch.

„Die Frühstücksvorlieben haben sich über die Jahrhunderte aber bemerkenswert verändert!“ stellte Athos fest. „Bei uns gab es für das einfache Volk Getreidegrütze, mit Wasser gekocht. An Festtagen auch mit Milch. Gesüßt höchstens mit Honig, aber der ist ja teuer. Und runtergespült wird es mit dünnem Bier oder billigem Wein, denn Wasser…..nun ja……“

Aramis verzog das Gesicht: „Igitt! Wasser will keiner trinken! Da holt man sich sämtliche Malaisen, die Ihr euch vorstellen könnt!“

Der Freund lauschte interessiert. „Ach, richtig, Ihr habt ja noch keine Klärwerke und Abwassersysteme, nicht wahr?“

Athos runzelte irritiert die Stirn: „Klärwerke? Was sind das? Und Abwassersysteme….nun ja, hier und da gibt es ein paar uralte Rohrleitungen, die irgendwie durch die Stadt laufen. Sie münden aber alle in die Seine….“

„In Klärwerken wird verschmutztes Wasser gereinigt und wiederaufbereitet, so daß es sauber in die Flüsse geleitet werden kann. Und Trinkwasser wird meist über Brunnenanlagen hochgepumpt, streng kontrolliert und dann erst zur Benutzung freigegeben.“

„Na, dann könnt Ihr ja unbesorgt in jeden Fluß oder Bach pinkeln!“ stellte Porthos vergnügt fest, was ihm einen strafenden Blick von Aramis einbrachte. „Contenance, mein Lieber!“

„Was denn, mein lieber Abbé? In dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, ging alles in den Bach. Nur nicht an den Tagen, an denen Bier gebraut wurde. Die meisten haben sich sogar daran gehalten!“

Der Freund lachte: „Jetzt weiß ich, warum Ihr am liebsten Wein trinkt!“

„Ja, tatsächlich!“ stellte Porthos nüchtern fest. „Damit wird es wohl zusammen hängen!“ Und er angelte die erste Flasche Bordeaux aus seinem Korb.

„Ähm, wo wir gerade bei Frühstücksvorlieben sind…“ nahm Athos den verlorenen Gesprächsfaden wieder auf. „Edelleute frühstücken in unserer Zeit gerne Fleischgerichte, Pasteten, Brot und natürlich Wein. Aber ich sehe, Ihr habt hier Brote en miniature, welche sehr appetitlich aussehen.“

„Ja, das sind Brötchen. Fleisch ist auch da!“ beeilte sich der Freund zu versichern und wies auf die üppige Aufschnittplatte. „Käse gibt es auch, sowie Eier und selbstgekochte Marmelade und Gelee.“

„Den letzteren habe ich gekocht!“ warf sich Porthos in die Brust.

„IHR?“ D’Artagnan verschluckte sich fast an seinem Kakao. „Mein lieber Porthos, ich wußte gar nicht, daß Ihr derartiger….Künste fähig seid!“ Um d’Artagnans Lippen spielte ein verräterisches Lächeln, seine Mundwinkel zuckten.

Der Freund verdrehte die Augen, lehnte sich aber betont entspannt zurück. Sollte Porthos doch diesen Strauß ausfechten.

„Was wollt Ihr damit andeuten, mein lieber Freund?“ Porthos schenkte allen ungerührt Wein ein. Als er die Flasche zurückstellte, hob er den Blick, forderte den Gascogner zu einer Antwort heraus.

D’Artagnan unterdrückte ein Kichern. „Solcherlei Arbeiten hat noch nicht einmal meine Mutter ausgeübt. Das hat sie den Mägden überlassen!“

„Pah!“ Porthos straffte seine Gestalt. „Heutzutage bricht sich keiner einen Zacken aus der Krone, wenn er diese Kunst beherrscht!“ (Auch er rollte das „R“ in KEINER bedeutungsvoll.)

Hört, hört, dachte der Freund, wen zitiert er denn da?

„Lasst probieren, ob Ihr diese Kunst denn beherrscht!“ D’Artagnan angelte sich ein Brötchen, schnitt es rasch auf und verteilte Butter und reichlich Kirschgelee auf einer Hälfte.

„Hmm….boah!“ Der Gascogner kaute genüßlich mit geschlossenen Augen. „Porthos……oha!“ Mehr brachte er nicht hervor, biß statt dessen erneut herzhaft hinein.

„Wenn d’Artagnans Mundwerk still steht, muß es gut sein!“ grinste Aramis und nahm sich ebenfalls ein Brötchen. Der Freund bemerkte, daß der Herr Abbé bewußt auf die Butter verzichtete. Als ob der sich um seine schlanke Linie Sorgen machen müßte…. Innerlich amüsierte er sich und beschloß, Aramis mit einigen seiner Freundinnen bekannt zu machen. Frauen hatten manchmal seltsame Schlankheitsrituale. Mal verzichteten sie auf Butter, einige Stunden später jedoch mußte eine Tafel Schokolade aus besonderem Anlaß daran glauben. Da sollte einer schlau draus werden!

„Sagt mal, Aramis, mein Guter, hattet Ihr nicht vor Ostern dieses unglaublich leckere Gebäck mitgebracht?“ fragte Porthos.

„Ja….wieso?“ Aramis war vorsichtig. Wenn Porthos so anfing, führte er etwas im Schilde.

„Was war es doch gleich?“ Porthos überlegte.

„Biscuits, es waren Biscuits.“ Aramis hütete sich, mehr zu sagen als nötig.

„Biscuits? Welche denn?“ Porthos schaute ihn unschuldig an.

„Ja, nun….eben……Vanille-Biscuits….“

„Ach so, oder Eier-Biscuits, oder Mehl-Biscuits???“

„Was wollt Ihr damit sagen? Glaubt Ihr etwa, ich wüßte nicht, was das für Biscuits sind?“

„Nun, es klingt mir wenig nach Kennerschaft, so wie Ihr mir antwortet, mon cher Aramis!“

„Eine Unverschämtheit! Als ob ich nicht wüßte, welche Biscuits das sind!“ Aramis sprang auf und funkelte Porthos an.

Porthos gab vor, beeindruckt zu sein, dabei zuckten seine Mundwinkel ganz leicht. Athos, d’Artagnan und der Freund folgten dem Schauspiel gespannt. Wenn Porthos und Aramis sich stritten, hatte das eindeutig explosives Potential.

Aramis holte tief Luft: „Ich will Euch etwas sagen, Porthos: Diese Biscuits sind mir so vertraut, daß ich sogar ihr Rezept kenne! Ich werde sie in Kürze einmal für Euch backen, dann verstummt hoffentlich Euer Spott!“

Porthos Augen wurden groß und rund: „Oh! Das würdet Ihr tun? Nun, dann werde ich natürlich Abbitte leisten……allerdings….“ Er grinste verschmitzt. „Allerdings nur, wenn sie auch wirklich vorzüglich sind. Denn etwas anderes kenne ich von Euch nicht, mein lieber Aramis, als daß Ihr Euer Tagwerk mit absolutem Perfektionismus absolviert.“

Aramis verneigte sich steif, aber vollendet vor Porthos. „Es wird mir ein Vergnügen sein!“

Athos neigte sich zu d’Artagnan und wisperte leise: „Ich wußte gar nicht, daß Aramis backen kann…..“

D’Artagnan zuckte mit den Schultern: „Hostien vielleicht……“ und verkniff sich ein Grinsen.