Was im Winter geschah von AlienorDartagnan
Durchschnittliche Wertung: 5, basierend auf 82 BewertungenKapitel Miséricorde von kaloubet
Es schneite. Seit Tagen schon. Der Schnee bedeckte das Lager, die Straßen aus Matsch und die Gräben vor der belagerten Stadt, schaffte es für einige Augenblicke selbst diese trostlose Kriegsszenerie mit einem reinen Mantel aus Weiß zu bedecken. Doch das hielt nur so lange vor, wie man den Schnee betrachten konnte. Sobald man gezwungen war durch ihn zu gehen, wurde er zu Matsch, vermengte sich mit dem Schlamm des Untergrundes und drang kalt und nass in Stiefel und durch Kleidung, nicht mehr länger schön, nur noch feindselig. Denn sie lagen schon mehrere Monate hier, fern der Heimat, und die Versorgung war nun, im Winter, wetterbedingt fast zum Stillstand gekommen, so dass die Belagerer begonnen hatten das Los der Belagerten zu teilen und solidarisch Hunger zu leiden. Und nicht nur unter dem Hunger, auch unter der Kälte litten sie, denn es gab rings um das Lager kaum noch einen Baum, kaum noch einen Strauch, nichts, mit dem man hätte ein Feuer anzünden können. Nur heute, in dieser besonderen Nacht, hatte der Kardinal Kerzen und Feuerholz austeilen lassen, wo auch immer er es beschafft hatte, so dass aus den meisten Zelten ein flackernder Schein leuchtete, der das Lager in ein dämmrig-warmes Licht tauchte, das recht anheimelnd wirkte. Zumindest für die, die das Glück hatten nicht im Dienst zu sein. Nicht in den düsteren, kalten Gräben zu stehen, die auch heute, auch in dieser Nacht, besetzt sein mussten. Denn man traute dem Feind durchaus einen Ausfall zu gerade in dieser Nacht, in der die Wachsamkeit nachließ, in der die Gedanken nach Hause schweiften.
Deswegen hatte der Hauptmann Vorsorge getroffen und die Gräben mit den besten Männern besetzt. Einigen nur, weniger als sonst, aber dafür mit den altgedientesten, erfahrensten und abgebrühtesten seiner Kompanie. Sie standen in einer langen Reihe im vorderen Graben, weiter auseinander als sonst, allein in völliger Dunkelheit und Kälte, ihre Stiefel im Matsch, ihre Hüte und Mäntel schneebedeckt. Nur manchmal glomm ein Funken auf, wenn sich einer der Männer ein Pfeifchen ansteckte, worüber er leise den Kopf schüttelte. Auch wenn es meistens Glück war, wenn ein Scharfschütze den Funken sah und den arglosen Raucher tatsächlich erwischte, so musste man das Schicksal doch nicht herausfordern. Mehr als einmal hatte er gesehen, wie es Kameraden erwischte, die nur kurz auf die Lunte geblasen hatten um sie nicht ausgehen zu lassen. Er bückte sich nach seiner Lunte, sie glomm noch, er hatte sie sich um den Oberschenkel geschlungen um kein Ziel abzugeben. Wie schnell konnte man mit dem Arm über den Graben kommen, wie leicht gesehen werden. Und wenn es zwei oder mehr Schafschützen waren, die einen ins Visier nahmen, dann hatte man trotz der Ungenauigkeit der meisten Waffen kaum eine Chance. Auch wenn man heute Nacht kaum die Hand vor Augen sah, war er lieber vorsichtig.
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