Herz und Seele Frankreichs von RoostersCromedCDF

Kapitel 19

Aramis liebte das Meer. Er liebte es, wie sich das Sonnenlicht in der Wasseroberfläche je nach Tageszeit in allen Farbnuancen spiegelte, den salzigen Geruch und das Rauschen der Wellen, wenn sie kraftvoll am Strand brachen und den feinen Sand in wirbelndes Chaos versetzten. Das Meer weckte seine Sehnsucht nach neuen Aufbrüchen und wenn der Wind unablässig durch sein Haar fuhr, dann fühlte er sich unendlich frei und gleichzeitig zutiefst geborgen. Der warme Sand unter ihm und das Kreischen der Möwen über ihm waren stets die Verheißung auf ein wunderbares Morgen, das er mit offenen Armen und voller Unbeschwertheit einfangen konnte.

Doch heute irritierte ihn das Kreischen der Möwen, irgendetwas wollte so gar nicht stimmen und sein träger Verstand versuchte zu verstehen, warum das Rauschen der Wellen in seinen Ohren kein Gefühl der Freiheit oder Geborgenheit aufkommen ließ, sondern einfach nur weh tat. Aramis dämmerte, dass ihm alles weh tat und die Geräusche um ihn nicht zu dem Ort seiner Sehnsucht gehörten. Hier gab es keinen feinen, warmen Sand, hier gab es keinen schmeichelnden Wind, hier gab es nur unbarmherzigen Schmerz.

Aramis begriff langsam, dass das, was er für das Kreischen von Möwen gehalten hatte, in Wirklichkeit gedämpfte Stimmen waren, Menschen, die sich mit einem ernsten und sorgenvollen Unterton unterhielten. Über ihn? Noch konnte er ihre Gespräche nicht wirklich nachvollziehen, er wollte die Augen öffnen, aber seine Lider fühlten sich unsagbar schwer an. Unablässig pochte der Schmerzes durch ihn hindurch und er versuchte zu verstehen, was das Problem war. Ihm wurde allmählich klar, dass er an einem Tisch auf einem Hocker saß, jedoch nicht aufrecht, sondern vornüber gebeugt, sein Kopf schwer auf seinen Unterarmen liegend. Da waren Hände, die ihn immer wieder sanft berührten, aber ihm wäre lieber gewesen, wenn sie ihn in Ruhe gelassen hätten.

„Wie lange ist er in diesem Zustand?“

Die Stimme war angenehm und ruhig, vertrauenserweckend, aber Aramis konnte sie im Moment niemanden, den er kannte, zuordnen.

„Er ist vor ein paar Minuten weggekippt, wir haben ihn am Tisch stabilisiert. Ihn hinzulegen erschien uns in seinem Zustand nicht als die beste Option. Es ist auf alle Fälle etwas mit seinem Rücken!“

Diese Stimme kannte er, sie gehörte ohne Zweifel Athos. Dann war der Rest seiner Brüder wohl auch nicht weit und Aramis merkte, wie ihn dieser Gedanke beruhigte und tröstete. Warum war das wichtig? Aramis Verstand begann nach einer Antwort zu suchen, aber es fühlte sich an, als würden seine Gedanken durch wabernde Nebel waten, ohne jemals das Ziel zu erblicken. Dennoch war ihm der sorgenvolle Unterton nicht entgangen und Aramis fragte sich, ob es einen Zusammenhang mit seinem momentanen Zustand und der besorgten Tonlage seines Freunde gab. Irgendetwas schien ihm entgangen zu sein, aber er kam einfach nicht darauf, was. Wenn nur sein Verstand endlich diesen Nebel abschütteln könnte!

„Hmhm! Ich lege eine Infusion mit Kochsalzlösung subkutan in sein Bein, er ist definitiv dehydriert. Ich gebe ihm auch gleich eine Ampulle Procain, das ist schmerzstillend und entzündungshemmend. Er hat bereits ein leichtes Fieber.“

Die fremde Stimme sprach leise, in einem sachlichen Ton und Aramis hörte es um sich herum rumoren. Er versuchte wieder, sich zu bewegen oder wenigstens die Augen zu öffnen, aber erneut wollte sein Körper nicht auf seinen Willen hören. Irgendjemand machte sich an seiner Hose zu schaffen, kalter Stahl berührte seinen rechten Oberschenkel und schnitt seine Hose auf. Dann ein kurzes, heftiges Stechen und Brennen und Aramis fühlte, wie Flüssigkeit über seinen Schenkel rann – oder in seinen Schenkel? Er vermochte es nicht zu sagen. Das Brennen wurde jedenfalls immer unangenehmer und Aramis gelang es unter Aufbietung all seiner Kräfte seine Hand in Richtung des Schmerzes zu bewegen. Das Ding in ihm musste augenblicklich weg!

„Aramis, ruhig, lass das! Du bist in der Garnison, wir sind alle hier, es ist vorbei!“

Athos Stimme hatte diesen beruhigenden und einfühlsamen Tonfall. Es ist vorbei! Er hatte diese Worte schon einmal vor Kurzem von Athos gehört, Aramis war sich ganz sicher. Es ist vorbei! Es ist...Plötzlich durchbrach eine schiere Flut an Bildern die Nebelwand, Bilder von Fäusten, Blut, Wasser, Kälte, Schmerzen und noch mehr Schmerzen, Gewehrmündungen und darüber das Gesicht des Teufels. Blutige Erinnerungen rasten unkontrolliert durch seinen gepeinigten Verstand und rissen ihn mit sich in die Tiefe. Wie ein Ertrinkender, der verzweifelt nach Luft ringt, schoss Aramis keuchend hoch. „Merde!“

Die abrupte Bewegung ließ die Schmerzen, die wie Skorpione im Untergrund gelauert hatten, heftig aufflammen und Aramis stöhnte laut auf. Er kniff gegen die plötzliche Helligkeit seine Augen zusammen und versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Langsam aber sicher gelang es ihm, sich zu beruhigen und er konnte die Menschen, die mit sorgenvollen Mienen um ihn herum standen, fokussieren. Die charakteristischen weiß verkachelten Wände, die obligatorischen Metallschränke sowie die grüne Behandlungsliege in der Mitte des Zimmers verrieten ihm, dass er wohl in einem der unteren medizinischen Behandlungsräume im Erdgeschoss der Garnison sein musste. Athos kniete direkt neben ihm und hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt, um ihn zu stützen. Sein starker, eindringlicher Blick genügte, um augenblicklich Aramis aufgewühlten Gedanken ein wenig zu beruhigen. Porthos stand wie ein Fels etwas seitlich von ihm und dessen ganzer Körper verhinderte, dass er vom Hocker fiel, wofür Aramis ihm sehr dankbar war.

D‘Artagnan und Treville befanden sich ein wenig abseits des Tisches in der Nähe des Fensters und ihre angespannte Körperhaltung verriet, dass er ihnen wohl einen großen Schrecken eingejagt hatte. Und da war auch Dr. Lemay – natürlich, er kannte ihn - ohne Zweifel der Besitzer der unbekannten Stimme, mit jenem analytisch-empathischen Gesichtsausdruck, der so typisch war für gute Ärzte, wenn sie das Ausmaß der Verletzungen eines Patienten sondierten und einzuschätzen versuchten, in welchen Ausmaß ihr Hilfe von Nöten sein würde.

„Da bist du ja wieder!“

Aramis konnte Porthos' Freude und Erleichterung aus dessen warmer Stimme heraushören. „Ja, ja, ich...es geht schon wieder, ich war wohl erschöpfter, als ich dachte“, versuchte Aramis die anderen zu beruhigen, was ihm offensichtlich misslang, denn keiner seiner Freunde machte Anstalten, sich auch nur einen Millimeter von ihm wegzubewegen. Im Gegenteil, sie beide verstärkten ihre unterstützenden Gesten. Plötzlich fiel ihm siedend heiß etwas ein!

„Constance! Mein Gott, Treville, was hat Constance bei der Gestapo verloren?“

„Die Resistance hat sie vor knapp zwei Jahren dort eingeschleust. Sie spioniert dort für uns, hält die Augen und Ohren offen um mitzubekommen, was im Hauptquartier der Nazis vor sich geht. Sehr riskant, aber nun war sie tatsächlich auch unser letzter Trumpf! Um ehrlich zu sein, ich hätte nicht geglaubt, dass alles so perfekt aufgehen würde, Constance hat ganze Arbeit geleistet. Sie ist wirklich eine bemerkenswerte junge Frau!“

„Sie hat zu viel riskiert – ihr alle habt zu viel riskiert! Was, wenn es schief gegangen wäre?“ flüsterte Aramis und merkte, wie schlechtes Gewissen in ihm keimte. Wäre es misslungen, hätten für die Rettung seines Lebens vier andere ihr Leben verloren.

„Was passiert jetzt mit Constance? Wie soll sie da jetzt noch lebend heraus kommen? Der Verdacht wird doch wohl schnell auf sie fallen?“ fiel ihm d‘Artagnen ins Wort und sein Gesichtsausdruck und Tonfall spiegelten in jeder Hinsicht die große Sorge wider, die auch Aramis Herz bei diesen Worten wie ein Schraubstock umfasste.

„Constance wird das schaffen!“ Treville blickte von D‘Artagnan zu Aramis und wieder zurück. Seine Stimme hatte eine beschwichtigende Nuance, so, als müsse er ein aufgeregtes Pferd besänftigen. „Der Plan hatte seine Lücken, das gebe ich zu, aber es hat funktioniert. Constance hat es bis jetzt geschafft und wird heute Abend nach Hause gehen, so wie sie es immer getan hat. Ich habe bereits mit Ludwig geredet, er war zwar nicht besonders begeistert, dass wir sie abziehen, aber er hat zugestimmt. Ihre Mutter wird Ende der Woche angeblich schwer erkranken und Constance wird dringend in das Elsass zurück müssen! Es ist wichtig, dass wir ihre Tarnung noch eine Weile aufrecht halten und sie nicht zu schnell von ihrem Posten abziehen. Die Gestapo könnte misstrauisch werden und das wäre dann tatsächlich nicht besonders gut.“

Bevor jemand darauf etwas sagen konnten, trat Lemay unvermittelt mit einem ungeduldigen Gesichtsausdruck an ihn heran. Jeder konnte merken, dass er nicht besonders glücklich darüber war, dass sein Patient offensichtlich in keinem besonders guten Zustand war und er nicht dazu kam, seine Aufgabe zu verrichten. „Meine Herren, das können Sie alles später besprechen, ich darf Sie nun bitten, etwas zurück zu treten! Geben Sie dem Mann ein wenig Raum zum Atmen und mir Platz zum Arbeiten!“

Porthos und Athos sahen einander unschlüssig an, im Zweifel darüber, ob es ratsam war, das zu tun, was der Arzt von ihnen forderte und ob Aramis sich wohl selbst würde aufrecht halten können. Sie gehorchten schließlich widerwillig und machten Lemay Platz, damit dieser Aramis genauer untersuchen konnte.

Lemay wandte sich nun direkt an Aramis und musterte ihn von oben bis unten. Dem mitfühlenden Ausdruck in den Augen das Arztes nach hatte sich dieser wohl bereits ein genaueres Bild von seinem Zustand machen können.

„Aramis, richtig?“ Lemay wartete sein Nicken ab, ehe er weitersprach. „Ich muss Sie jetzt genauer untersuchen, aber das geht nur, wenn wir die Bandagen aufmachen und Sie den Pullover ausziehen.“ Lemay sah ihn erwartungsvoll an.

Es dauerte eine Sekunde, bis die Information in Aramis sickern konnte und als ihm aber das Ausmaß der Aufforderung bewusst wurde, presste er kurz die Augen und sein Kiefer zusammen. Merde, er hatte völlig den Pullover vergessen! Aramis atmete dennoch so tief es seine angeschlagenen Rippen zuließen ein und nickte. „Es wird sich wohl nicht vermeiden lassen, nicht wahr?“

Lemay schüttelte mitleidig den Kopf, dann schien ihm etwas einzufallen und er ging zu seinem großen, dunkelbraunen Arztkoffer, den er mitgebracht hatte.

„Wir sind bei dir, Aramis!“ Athos, der nun auf der linken Seite von Aramis auf einem Sessel Platz genommen hatte, legte sanft seine Hand auf Aramis Unterarm.

Lemay hatte die Schere, die er gesucht hatte, gefunden und brachte gleich einen weiteren Hocker mit, auf den er sich neben Aramis niederließ. Er half Aramis dabei, sich langsam vom Tisch weg und zu ihm hin zu drehen, damit er besser würde arbeiten können und die Infusion, die an einem eisernen Ständer über Aramis hing, nicht im Weg wäre. Lemays Hände waren wohltuend warm, als er behutsam begann, die zerschlissenen Bandagen von seinen Händen zu schneiden. Aramis merkte erst jetzt, wie kalt ihm war und er konnte das unwillkürliche Zittern, das ihn immer wieder durchlief, nicht kontrollieren. „Es tut mir leid!“

„Aber nein, machen Sie sich keine Gedanken! Sie stehen unter Schock, das ist ganz normal. Ich habe Ihnen vorläufig eine Infusion mit Kochsalzlösung und einem Schmerzmittel angehängt, aber zuerst muss ich die Art und Weise Ihrer Verletzungen kennen, dann sehen wir weiter und ich kann Ihnen etwas Stärkeres geben. Versuchen Sie, noch ein klein wenig durchzuhalten!“ Lemay lächelte Aramis zuversichtlich an und ließ sich nicht von dessen zitternden Händen ablenken. Schnitt für Schnitt arbeitete er sich konzentriert voran, bis schließlich beide Hände freigelegt waren. Lemay schob den Pullover ein wenig nach oben und drehte die Hände sachte hin und her, um die Art der Verletzungen einschätzen zu können. Seine Augenbraue zogen sich ein wenig zusammen und er deutete auf die tiefere Wunde in der Nähe des rechten Pulsader. „Das hier war sehr knapp – es hätte böse ausgehen können! Wurden Sie medizinisch versorgt?“

Aramis war völlig entgeistert. „Ob ich medizinisch versorgt wurde? Sie meinen vor oder nach der Folter?“ Als er das erschrockene Gesicht Lemays sah, bedauerte Aramis seine zynischen Worte sofort. „Entschuldigen Sie bitte, das war ungerecht von mir, Sie können nichts dafür!“

„Nein, nein, ist schon gut! Sie haben ein schweres Trauma erlitten, in jeder Hinsicht. Es tut mir leid, wenn ich unsensibel war, das hätte nicht passieren dürfen!“, antwortete Lemay freundlich und schien Aramis seinen harschen Ton nicht nachzutragen.

Aramis nickte und seufzte. Seine Stimme war brüchiger, als er es sich gewünscht hätte. „Ja, ein Arzt war anwesend und hat…“ Er brach unvermittelt ab, ihm fehlten die richtigen Worte um das, was Rausch getan hatte, zu beschreiben. „...seine Arbeit gemacht“, beendete er schließlich den Satz.

Porthos grollte im Hintergrund und als Aramis zu ihm blickte, konnte er an dessen Miene erkennen, wie sehr sein Freund litt. Aramis wurde schlagartig klar, dass seine Brüder nicht wissen konnten, was ihm im Hauptquartier der Gestapo widerfahren war und sie erst jetzt das gesamte Ausmaß seiner Gefangenschaft zu Gesicht bekämen. Er verstand, wie hilflos und ohnmächtig sie sich dabei fühlen mussten und rang sich ein kleines, aufmunterndes Lächeln ab um ihnen zu zeigen, wie froh er war, dass sie alle hier waren.Er nickte jedem von ihnen zu und hoffte, dass sie verstanden, dass er allein für sein Schicksal verantwortlich war und nicht sich die Schuld daran gaben, dass ihn die Gestapo erwischt hatte. In seinem Herzen war nur tiefe Dankbarkeit, dass sie ihn nicht im Stich gelassen oder aufgegeben hatten – auch wenn er selbst zwischenzeitlich beinahe die Hoffnung verloren hatte.

„Ich verstehe. Nun gut, machen wir weiter, nicht wahr?“, antwortete Lemay mit hörbarem Bedauern in der Stimme und begann langsam den Pullover an den Ärmeln entlang aufzuschneiden. Er arbeitete sich an den Nähten entlang und löste alles, bis auf den Rückenteil, von Aramis Körper.

Auch wenn die Schmerzinfusion ein wenig zu wirken schien, war doch jede Bewegung in der Nähe seines Rückens für ihn kaum zu ertragen. Aramis biss die Zähne zusammen und ließ keinen Ton über seine Lippen kommen.

D‘Artagnan atmete zischend ein, als Aramis schließlich mit blankem Oberkörper vor ihnen saß und das Ergebnis von Kleindiensts Vorbereitungsmethoden für alle klar und deutlich sichtbar wurde. Man konnte dem Jungen ansehen, wie schwer es ihm fiel, nicht augenblicklich seinen Blick abzuwenden. Porthos, der wieder näher zu ihm hingetreten war, legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter während sein grimmiger Blick unverwandt auf Aramis gerichtet blieb.

Aramis riskierte nun selber einen Blick und erschrak über die Prellungen, mit denen er übersät war und die mittlerweile alle Farben widerspiegelten. Lemay beugte sich weiter zu ihm hin und begutachtete jede einzelne Stelle.

„Ich untersuche jetzt die Rippen, glauben Sie, dass etwas gebrochen ist?“

Aramis schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke, die eine oder andere wird geprellt, schlimmstenfalls angeknackst sein.“

Lemay nickte knapp und begann vorsichtig, den beiden Rippenbogen entlang zu tasten. Aramis atmete scharf ein und stöhnte immer wieder auf, wenn der Arzt über eine angeschlagene Rippe fuhr und kräftig überprüfte, ob sie dem Druck stand hielt.

Athos, der die Behandlung seines Freundes bislang mit stoischer Miene ertragen hatte, legte vorsichtig seine Hand auf Aramis Schulter, darauf bedacht Lemay nicht bei seiner Arbeit zu stören. „Du hast es gleich überstanden, mon ami!“ versuchte er etwas Trost zu spenden und Aramis gleichzeitig Kraft zu geben, still zu halten. Kurz darauf zog Lemay tatsächlich bereits seine beharrlich tastenden Finger zurück und richtete sich wieder auf.

„Es ist keine Rippe gebrochen, an der linken Seite sind zwei schwer geprellt und an der rechten Seite ist eine angeknackst. Die Hämatome sind heftig, das wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich alles zurückgebildet hat. Haben Sie viel Blut verloren?“ fragte Lemay leise.

Das Bild eines blutgefüllten Kruges samt Maßeinheiten schoss Aramis durch den Kopf und er musste für einen kurzen Moment die Augen schließen. Er unterdrückte die aufkeimende Übelkeit und fuhr sich mit der Zunge über seine Oberlippe, ehe er antwortete. „600, 700ml, womöglich ein bisschen weniger.“

Wenn Lemay über die genaue Literangabe überrascht gewesen war, so ließ er es sich nicht anmerken. „Hm, das ist scharf an der Grenze, aber Ihre Gesamtkonstitution scheint mir recht gut zu sein. Ich werde Ihnen später an den heftigsten Stellen Blutegel auflegen, der Speichel der kleinen Tierchen kann Hämatome auflösen und hat gleichzeitig entzündungshemmende und schmerzlindernde Eigenschaften.“

„Blutegel?“ D‘Artagnan verzog angeekelt das Gesicht.

„Ja, eine sehr gute alternative Behandlungsmethode, die bereits seit Jahrhunderten bekannt ist. Blutegel sind enge Verwandte der Regenwürmer, die sich von tierischem oder menschlichem Blut ernähren. Für die Blutegeltherapie werden die Tiere auf die Haut des Patienten gesetzt, dort schneidet der Egel mit seinen scharfen Zähnen eine kleine Wunde in die Haut, aus der er anschließend Blut saugt. Dabei gelangen die Inhaltsstoffe seines Speichels ins Blut des Menschen. Die medizinische Forschung hat darüber hinaus nachgewiesen, dass…“, Lemay beendete abrupt seinen kleinen Vortrag als er bemerkte, dass ihn alle Anwesenden mit einer Mischung aus Unglaube und Unverständnis anstarrten. „Ah, nicht so wichtig, nicht wahr?“ lächelte er peinlich berührt und stand schnell auf, um Aramis Kopfwunde begutachten zu können. „Würden Sie bitte die Lampe herbringen, damit ich mir noch ein Bild von der Kopfwunde machen kann? Vielen Dank!“

Treville fühlte sich angesprochen, denn er ergriff die Lampe, die bei der Behandlungsliege stand und zog sie so weit das Stromkabel reichte zum Hocker hin, auf dem Aramis saß. Um nicht im Weg zu sein, ging der Hauptmann zur Behandlungsliege und setzte sich schwer darauf.

Lemay beugte sich vor, diesmal mit einem Tupfer in der Hand und begann vorsichtig, den Wundrand von getrocknetem Blut und dem eingetrocknetem Dreck zu säubern. „Ah, ich sehe schon, da sind noch kleine Glassplitter in der Platzwunde, ich werde sie später herausholen und nähen müssen. Aramis, haben Sie noch irgendwo eine Wunde, die ich mir ansehen müsste, bevor ich mich um den Rücken kümmere?“

Als Lemay seinen Rücken erwähnte, breitete sich in Aramis Panik aus und er hatte auf einmal Mühe, ruhig weiter zu atmen. Sein ganzer Rücken stand in Flammen, pochend und brennend zugleich, er spürte bei jeder Bewegung die Fasern des Pullovers, die ihm vorkamen wie kleine Messer, die unablässig in seine Nervenbahnen schnitten und sägten. Allein der Gedanke, dass irgendjemand ihn auch nur am Rücken berühren würde, war ebenso unerträglich wie die permanenten Schmerzwellen, die durch seinen Körper pulsierten. Solange er sich nicht bewegte, konnte er sie irgendwie ertragen, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sich jemand an den Wunden zu schaffen machte. Seine Angst musste sich in seiner verkrampften Haltung bemerkbar gemacht haben, denn Athos strich ihm unvermittelt mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus dem Gesicht und verharrte einen Moment an seiner Stirn.

„Wie im Gefecht, mon ami, ein Schritt nach dem anderen! Ist einer vorbei, dann…“

„...dann kehrt er nicht wieder!“, vollendete Aramis heiser flüsternd den Satz. Er wandte seinen Kopf zu Athos und ihre Blicke trafen sich mit der gleichen Intensität wie in der Gasse eine Stunde zuvor. Und wieder musste keiner der beiden ein Wort sagen, um all das auszudrücken, was sie in ihrem tiefsten Inneren bewegte. Athos lächelte zuversichtlich und Aramis spürte, wie er sich für das Kommende wappnen konnte. Er wandte sich wieder an Lemay: „Nein, ich denke nicht!“

„Nun gut, ich fange jetzt an, den Pullover zu lösen, ich verspreche Ihnen, dass ich schnell und effizient arbeiten werde. Ich benutze dafür mein Skalpell, aber Sie müssen so still wie möglich halten!“ Lemay bemühte sich augenscheinlich um einen sachlichen Ton, dennoch konnte man das tiefe Mitleid, das er wohl empfand, unverkennbar aus seiner Stimme heraushören.

Aramis straffte sich und nickte, auch das würde er überstehen. Er beugte sich so gut es ging nach vorn und umfasste mit seinen Händen die Tischplatte. Augenblicklich zuckten Schmerzwellen durch seine Arme, ausgelöst von den zahlreichen Stichwunden an seinen Händen, aber der Schmerz würden ihn ablenken von dem, was nun unweigerlich folgen musste. Lemay begann systematisch den Pullover von seinem Rücken zu schälen und Aramis stöhnte laut auf, als das erste, verklebte Stück Stoff vorsichtig abgezogen wurde und schorfige Wunden aufriss. Er biss die Zähne zusammen und versuchte sich auf das zu konzentrieren, was Athos zu ihm gesagt hatte. Es ist vorbei! Dies war nichts im Vergleich zu der Folter, der er ausgesetzt gewesen war und die er überstanden hatte und dennoch spürte er, wie der Druck seiner zusammengepressten Kieferknochen sich bis in seine Schädeldecke zog und sich mit den nagenden Kopfschmerzen vermischte. Als Lemay das Skalpell einsetzen musste, um weiteren Stoff von der verkrusteten Haut zu schneiden, konnte Aramis ein lautes Stöhnen nicht unterdrücken, zu plötzlich und heftig war der Schmerz in sein Rückenmark gefahren. Keuchend versuchte er seinen Atem zu beruhigen und spürte, wie Übelkeit in ihm aufstieg. In seinen Augenwinkel sammelten sich Tränen und er kniff die Augen fest zusammen. Eine Hand legte sich leicht auf seinen linken Handrücken und im selben Moment spürte er, wie sich ganz vorsichtig Finger in seine Haare am Hinterkopf schoben und sanft seine Kopfhaut massierten. Sofort wusste er, dass es Porthos war, der versuchte, ihm durch seine bloße Präsenz beizustehen und Stärke zu verleihen. Wärme breitete sich aus von dort, wo Porthos' Finger sanft den Druck aus seinem Kopf massierten und die Berührung allein ankerte ihn und gab ihm Kraft. Das nächste Mal, als Lemay das Skalpell ansetzen musste, gelang es Aramis das Stöhnen zu unterdrücken, lediglich ein scharfen Zischen glitt ihm über die Lippen. Der Druck auf seiner Hand verstärkte sich kurz und die Art, wie der Druck fast bis ins Schmerzliche zunahm und genauso abrupt wieder nachließ, sagte ihm, dass es Athos war, der erneut eine Hand über die seine gelegt hatte. Dankbarkeit, dass er mit solchen Freunden gesegnet war, durchströmte ihn und ließ ihn die restliche Tortur überstehen. Lemay hatte Wort gehalten; so schnell es begonnen hatte war es auch wieder vorbei und Aramis sank erschöpft zurück auf den Hocker. Er schwitzte und hatte im Nachhall des Schmerzes erneut Schwierigkeiten, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Porthos strich ihm die schweißnassen Haare aus dem Gesicht, dann trat er zurück, um Tréville und d'Artagnan, die beide ebenfalls herangekommen waren, einen Blick auf das zu gewähren, was Aramis so viel Schmerzen bereitete.

„Mein Gott, wer tut so etwas? Was verursacht solche Wunden?“

Das Entsetzen in d'Artagnans Stimme war beinahe körperlich greifbar und entging auch nicht Aramis, der sich erneut fragte, welchen Anblick er wohl gerade seinen Brüdern bieten würde. „Ein langer, biegsamer Stock, in Leder gefasst“, antwortete Aramis gedämpft. Seine Stimme krächzte wie ein Sägeblatt, das über einen Stein gezogen wird. Das Bild von Thernes, wie er vor ihm gestanden hatte, mit blutigen Hände und einem noch blutigerer Stock, schob sich ungefragt in Aramis Bewusstsein und unwillkürlich lief ein weiteres Zittern seinen Körper entlang.

„Ein Ochsenziemer. Das bevorzugte Instrument der Gestapo“, fügte Athos mit tonlos Stimme hinzu. Nur wer ihn wirklich gut kannte, konnte die unterdrückte Wut und Fassungslosigkeit hören, die in seiner Stimme mitschwingen.

„Ja, das könnte hin kommen.“ Auch in Lemays Stimme schwang unterdrückte Bestürzung mit, weniger jedoch darüber, dass Aramis mit dem berüchtigten Folterinstrument der Nazis gequält worden war, sondern eher weil er vermutlich nur allzu gut um die Konsequenzen der daraus resultierenden Verletzungen wusste. Nach einer kurzen Pause sprach er sachlich weiter. „Drei Stellen sind tief aufgerissen, die werde ich nähen müssen, die meisten sind eher oberflächlicher Natur…“

„Können sie das tatsächlich wieder zusammennähen?“,fragte D‘Artagnan ungläubig. Er war zum Fenster zurückgekehrt um nicht länger den Anblick des blutigen Rückens seines Bruders ertragen zu müssen. Sein bleiches Gesicht und das Zittern in seiner Stimme verriet, wie sehr ihn das, was Aramis widerfahren war, entsetzte.

„Ich mache mir keine Sorgen um die Stellen, die offen sind, ich macht mir vielmehr Sorgen um die Stellen, die es nicht sind!“ erwiderte Lemay leise während er behutsam mit den Fingerspitzen einzelne Wundränder inspizierte.

„Wie meinen Sie das?“, schaltete sich nun auch Treville ein, während er zurück zur Behandlungsliege ging und sich erneut langsam darauf nieder ließ. Der Hauptmann wirkte erschöpft und frustriert, tiefe Falten hatten sich auf seine Stirn gelegt. Sein Rücken musste wohl grauenvoll aussehen, dachte sich Aramis, wenn selbst Treville derartig fahl geworden war.

„Hmm...wie kann ich das am besten erklären?“ Lemays Verstand schien nach einfachen Worten zu suchen, um das medizinische Fachwissen auch Laien erklären zu können. „Aramis Rücken hat multiple stumpfe Traumata durch die heftigen Schläge erlitten. Da muss viel Kraft und Druck dahinter gestanden sein, manche Hautstellen wurden dadurch auch aufgerissen. An diesen Stellen kann der Druck, der sich in den darunterliegenden Gewebeteilen aufgebaut hat, entweichen. Wenn die Haut allerdings nicht aufreißt, dann bluten die Muskeln ein und da sie sich nicht ausdehnen können, kann es sein, dass die Blutzirkulation nicht mehr gewährleistet ist.“

„Und was passiert dann?“ fragte Porthos mit ungeduldigem Ton, der sich mittlerweile ebenfalls zu Treville auf die Behandlungsliege gesetzt hatte. Seine Finger trommelten auf seinem Oberschenkel und seine Augen hatten sich zu kleinen Schlitzen verengt, mit denen er Lemay fast feindselig musterte. Man konnte förmlich sehen, wie Porthos' innerlich vor Wut darüber bebte, dass er nichts für seinen Freund tun konnte außer still mitzuleiden.

Lemay stockte ein wenig und es schien ihm unangenehm zu sein, weiter zu sprechen. „Hält dieser Zustand über einen längeren Zeitraum an, resultiert daraus eine ausgedehnte Nekrose. Das Gewebe an seinem Rücken würde absterben.“

Aramis biss mit seinen Zähnen auf seine Unterlippe. Als Hilfs-Sanitäter der französischen Armee kannte er sich gut genug in medizinischen Dingen aus, um zu wissen, dass abgestorbenes Gewebe lebensbedrohlich war. „Und was können Sie dagegen tun?“

„Ich muss die Haut um die geschwollenen Faszienstränge aufschneiden, damit das Gewebe Platz hat, sich auszudehnen und der Druck sich von selbst abbauen kann.“

„Das ist nicht Ihr Ernst! Sie wollen auch noch seinen Rücken aufschneiden, in dem Zustand?“ D‘Artagnan erblasste noch ein wenig mehr und sah in diesem Moment so schockiert aus, dass Aramis mit ihm beinahe mehr Mitleid hatte als mit sich selbst.

Die Infusion wirkte zwischenzeitlich immer besser und hatte dem konstanten Schmerz seine schärfste Spitze genommen, aber der Gedanke, dass Lemay ihm weitere Schmerzen würde zufügen müssen, war im Moment fast unerträglich für Aramis. Er schloss kurz die Augen um sich auf das vorzubereiten, was nun noch kommen würde. Als er sie langsam wieder öffnete, blickte er direkt in Athos‘ Gesicht und der Ausdruck von Zuversicht und Stärke, den er in den Augen seines Freundes ablesen konnte, gaben ihm die in diesem Moment das so dringend benötigte Vertrauen, dass er auch das überstehen würde. Er holte tief Luft und nickte schließlich zustimmend.

„Gut! Gut!“, Lemay wirkte erleichtert, als er weiter sprach. „Dann werde ich alles für die kurze Narkose vorbereiten, ich verspreche Ihnen, Sie werden in wenigen Minuten keine Schmerzen mehr haben.“

„Narkose? Äther? Auf keinen Fall!“ Als Aramis bewusst wurde, was der Arzt genau vor hatte, flammte seine Angst erneut auf und er schreckte zurück. Er wusste, wie unsicher die Betäubung mit Äther sein konnte, es glich oftmals einem Glücksspiel, wer die Narkose überlebte und wer nicht und die Tatsache, dass er viel Blut verloren hatte, würde seine Chancen nicht wirklich erhöhen.

Porthos und Treville reagierten gleichzeitig auf den schockierten Tonfall von Aramis und erhoben sich von der Behandlungsliege. Während Porthos sich drohend vor Dr. Lemay aufbaute trat Treville neben Aramis.

Lemay wich nicht vor Porthos zurück sondern sprach ruhig weiter. „Aramis, vertrauen Sie mir! Ich lege jeden Tag Menschen in Narkose und sie alle wachen wieder auf. Ich habe eine gute Mischung aus Äther und Chloroform entwickelt und die besten Ergebnisse damit erzielt. Die Operation ohne Narkose durchzuführen wäre Wahnsinn! Sie könnten niemals so still halten, wie es notwendig wäre. Sie würden aufgrund der Schmerzen vermutlich ohnehin ohnmächtig werden und erneut in einen Schockzustand fallen. Glauben Sie mir, das wäre viel schlimmer! Ich brauche maximal 30 Minuten um alle Wunden zu versorgen, das wäre eine sehr kurze Sedierung und Sie wären gleich wieder munter.“ Lemays Stimme hatte einen leicht flehenden Tonfall angenommen.

Niemand sprach und alle schauten erwartungsvoll zu Aramis. Er fühlte sich auf einmal unendlich müde und ausgelaugt, die ganze Tortur schien einfach kein Ende zu nehmen. Wie sollte er in seinem Zustand überhaupt noch abwägen können, was gut war und was nicht? Aramis sah wieder zu Athos, auf dessen Entscheidungen er sich immer bedingungslos hatte verlassen können. Kaum jemand wägte mehr das Für und Wider vor einer Entscheidung ab als sein Freund und Athos schien Lemay in dieser Sache zu vertrauen, denn er nickte kurz und knapp. Der Arzt kannte sich augenscheinlich gut aus, das war offensichtlich und er würde wohl nicht absichtlich etwas Überflüssiges oder Mutwilliges tun. Aramis seufzte, im Grunde wollte er einfach nur, dass endlich alles vorbei wäre. Er drehte den Kopf um Lemay seine Zustimmung zu geben, als plötzlich die Tür aufging und es Aramis so vorkam, als würde in dem kleinen Behandlungsraum die Sonne aufgehen und alles in strahlendes Licht baden.

„Anna!“