Herz und Seele Frankreichs von RoostersCromedCDF

Kapitel 20

Fremde Türen zu öffnen heißt neue Räume zu betreten!

Anna wusste nicht warum ihr gerade jetzt, als sie die silberne, angelaufene Türklinke nach unten drücken wollte, dieser Spruch in den Sinn kam, dennoch zögerte sie nun. Sie hatte im Laufe ihres Lebens viele Veränderungen erlebt, komplexe Vorgänge, die sich nur durch Stärke, Dauer und Häufigkeit unterschieden, gleitende Übergänge von einer Situation in dir nächste, oft so klein, dass sie sie selbst kaum wahrgenommen hatte.

„Was genau mache ich hier?“, murmelte sie unsicher.

Sie hatte sich bereit gefühlt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, stark und entschlossen und alles, was dieses Leben bisher ausgemacht hatte, hinter sich zu lassen. Oh ja, sie wusste, die Gründe, die sie an diesen Ort, zu diesem Moment getrieben hatten, waren gut genug, dennoch ließ sie die Bedeutung des Augenblicks inne halten.

Wenn ich diese Tür öffne, dann gibt es kein Zurück mehr...Anna hatte Angst davor, was ihr die Zukunft bringen würde, auch wenn es eine Zukunft mit dem Mann, den sie wahrhaftig liebte wäre. Es wäre gewiss eine Zukunft voller Kämpfe, aber dennoch war sich Anna sicher, dass sie jeden einzelnen von ihnen auf sich nehmen würde. Mit Aramis an ihrer Seite würden sich unendlich viele neue Türen öffnen, neue Räume erschließen, von denen sie bereits gedacht hatte, dass sie sie niemals würde betreten können – und nun stand sie hier, bereit, den einen Schritt zu wagen, der alles ändern würde. Es wäre kein kleiner Schritt, heimlich und winzig, es wäre ein Schritt, der einem Erdbeben gleich käme und jeder um sie herum würde es bemerken.

Anna atmete tief durch, straffte sich und öffnete die Tür.

Aramis saß auf einem kleinen Hocker neben einem Tisch in der Mitte des Behandlungsraums. Mit einem Blick erfasste sie sein blutverkrustetes Gesicht, seinen zerschlagenen Körper, die wunden Händen und den Schmerz, der ihn gefangen hielt. Aber sie sah auch sein Lächeln, das aus seinem tiefsten Inneren zu kommen schien und den beinahe verklärten Blick, ganz so als wäre sie selbst der Heilige Gral, gekommen, um ihn von all seinem Leid zu erlösen und ewiges Leben zu spenden.

Nichts und niemand wird mich jemals wieder von ihm trennen, und Anna wusste in diesem Moment, dass sie dir richtige Entscheidung getroffen hatte.

Die Menschen, die ihm am meisten bedeuteten, standen bei Aramis und umringten ihn. Ihre Gesichter spiegelten die große Sorge um den Mann, den sie alle gleichermaßen liebten, aber auch die Bereitschaft, ihn nicht allein zu lassen in seinem Schmerz, wider. An ihrer Körperhaltung und den Schweißrändern, die sich unter den Achseln der obligatorischen braungrünen Hemden gebildete hatten, konnte Anna auch die Anstrengung und Anspannung ablesen, die es sie gekostet haben musste, Aramis zu befreien.

Anna fühlte, wie in ihr tiefe Dankbarkeit zu keimen begann, diese Menschen hatten alles für das Wohlergehen von Aramis riskiert und würden ungeachtet der Konsequenzen ebenso wie sie selbst an seiner Seite bleiben.

Und ich habe mir Sorgen gemacht, dass sie uns nicht verstehen würden, lächelte Anna innerlich.

„Anna!” Treville, der bei ihrem Eintreten auf der grünen Behandungsliege gesessen hatte, erhob sich und zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. Sein Blick glitt zu der kleinen Reisetasche in ihrer Hand, Anna wusste, dass dem Hauptmann in der Regel nichts entging. „Was machst du denn hier?”

Anna schloss behutsam die Tür und ihr war klar, dass die Aufmerksamkeit aller Anwesenden nun voll und ganz auf sie gerichtet war. Sie blickte jedem von ihnen in die Augen und lächelte. „Ich wollte sehen, wie es Aramis geht!“, erwiderte sie und stellte ihre Tasche neben sich auf den Boden ab. „Ich werde bei ihm bleiben und auch nicht wieder gehen. Nie wieder!”, fügte sie leise hinzu und trat näher an Aramis heran. Porthos und Lemay wichen erstaunt zur Seite und Anna konnten nun erkennen, wie schwer seine Wunden tatsächlich waren. Wie verletzlich er aussieht!

„Wie meinst Du das? Nie wieder...“ fragte Athos skeptisch, obwohl er bereits einen Verdacht zu haben schien. Sein sonst so stoisches Gesicht, an dem sie eher selten seine Emotionen ablesen konnte, verzog sich, als habe er Magenschmerzen bekommen.

Anna antwortete nicht, sondern kniete sich vor Aramis hin, um mit ihm auf gleicher Höhe zu sein. Erst jetzt konnte sie erkennen, wie schwer seine Wunden tatsächlich waren und sie spürte einen Stich in ihrem Herzen. Sie konnte nicht einmal erahnen, was er alles durchgemacht haben musste, aber sie sah, wie sehr er jetzt litt. Sie streckte ihre Hand aus und strich zärtlich und behutsam über jede einzelne Wunde in seinem Gesicht, die aufgeplatzten Stellen seiner Haut und Lippen, die blutverkrusteten Abschürfungen, die geschwollenen Wangen. Er zuckte hie und da zusammen, aber er wandte keinen Moment seine dunklen Augen von ihr ab, ganz so, als könnte er es nicht fassen, dass sie wirklich hier war. Sie erhob sich, strich Aramis eine verklebte Locke aus der Stirn und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die schweißnasse Stirn, ehe sie sich wieder zu Athos und den anderen wandte.

„Ich bleibe hier, bei Aramis, bei dem Mann, den ich liebe!“ Mit diesem einen Satz ordnete Anna ihr Schicksal neu und durchschritt den Türbogen in ein neues Leben. Einen Moment lang herrschte absolute Stille im Raum und Anna sah nur allzu deutlich die unterschiedlichen Emotionen, von Überraschung bis Erschrecken, die den Männern ins Gesicht geschrieben standen.

Treville öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Lemay kam ihm zuvor.

„Anna! Schön, dich wieder zu sehen“, sagte der Arzt in einem unverbindlichem Plauderton, „wenngleich die Umstände ein wenig ungewöhnlich sind, nicht wahr? Wie geht es deinem Vater? Ich habe ihn bei unserer letzten Vorstandssitzung vermisst!“

Auch wenn er wohl die Bedeutung dessen, was er gerade gesehen hatte, verstanden hatte, so war Lemay mit Leib und Seele Arzt und das Wohl seiner Patienten stand bei ihm seit jeher an oberster Stelle. Anna war sich sicher, dass er nicht zulassen würde, dass sie hier und jetzt einen Disput führen würden, denn im Augenblick gab es dringlichere Aufgaben zu bewältigen und sein Patient hatte oberste Priorität vor allem anderen. Lemay trat also wieder zu Aramis hin und begann, ohne wirklich eine Antwort von Anna zu erwarten, betont unbekümmert die Infusion zu überprüfen. „Die Kochsalzlösung ist bald durch, ich werde Ihnen vor der Operation eine weitere Dosis Procain geben, es hat auch eine gute beruhigende Wirkung!“

„Operation?“, fragte Anna erschrocken nach.

„Wie hast du das genau gemeint, dass du bei Aramis bleibst?“, hakte nun Treville noch einmal nach, der sich nicht von Lemays Geplauder hatte ablenken lassen und sein Gesichtsausdruck verriet, dass ihm das Thema plötzliche Kopfschmerzen bereitete.

Anna war klar, dass Treville als enger Vertrauter von Ludwig genau wusste, welche Konsequenzen ihr Handeln nach sich ziehen würde, der aber im gleichen Atemzug auch immer schon begriffen hatte, was für ein Mensch Ludwig war und was sie in den letzten Jahren alles hatte aushalten müssen. Wenn sie es ihm erklären würde, dann würde Treville sie verstehen und darüber hinaus sogar noch unterstützen, aber ein Blick auf Lemays Gesicht sagte ihr, dass der Arzt anfing, ungeduldig zu werden, also verkniff sie sich die Antwort, sie würde später mit ihnen allen reden.

„Habe ich da irgendetwas nicht mitgekriegt?“ Porthos, der sich keinen Millimeter weg bewegt hatte, klang aufgebracht mit einem Hauch von Wut und Unverständnis und Anna merkte, wie sie wieder unsicherer wurde. Porthos war ein in jeder Hinsicht hingebungsvoller Mensch, wenn es um diejenigen ging, die er liebte, aber er war ihr auch eine Spur zu ungehobelt und direkt.

„Porthos, lass mich erklären, wir haben…“, Aramis der sich mittlerweile aus der Gefühlstrance, in die Annas Erscheinen ihn versetzt hatte, gelöst hatte, war wohl auch klar geworden, wie Annas Auftritt auf die anderen wirken musste und dass alle Anwesenden außer Athos bislang nichts von ihrer Affäre wussten.

Aramis hatte ihr immer wieder erklärt, dass es ihn belastete, gerade Porthos nichts von ihrer Beziehung zu erzählen, aber Anna hatte darauf bestanden, dass es niemand erfahren dürfe – zu übermächtig war ihr Ludwig und seine mögliche Reaktion damals erschienen. Das hatte sich jetzt geändert, aber dennoch war klar, dass es hier mit einem schnellen Gespräch nicht getan war.

„So, Schluss jetzt, meine Herren...und Dame!“ Lemays Stimme klang erstaunlich resolut und er schien um ein paar Zentimeter gewachsen zu sein. „Ich werde jetzt meinen Patienten auf die Operation vorbereiten, aber dazu muss ich mich konzentrieren. Ich kann dabei keinerlei Ablenkung gebrauchen, also muss ich alle Anwesenden hinaus bitten!“

Lemay sah jeden einzelnen von ihnen an und seine Körperhaltung verriet, dass er nicht vor hatte, sich in seinem Entschluss beirren zu lassen. Dies hier war sein Schlachtfeld, als Arzt trug er jeden Tag die Verantwortung für viele Leben und musste Entscheidungen treffen, mit denen manche nicht immer einverstanden waren. Es war klar, dass er hier keine Ausnahme machen würde.

D‘Artagnan, der bislang kein Wort gesagt, aber das Geschehen mit einem erstaunten Ausdruck beobachtete hatte, war der erste, der reagierte. Anna vermutete, dass ihm zu viele Emotionen in der Luft waren, er sah ohnehin etwas mitgenommen aus. Der junge Mann stand von seinem Fensterplatz auf, ging zu Porthos und legte seine Hand auf dessen Schulter, Anna konnte aber nicht hören, was er zu ihm sagte. Aus Porthos Körperhaltung entwich die größte Spannung und er warf Aramis einen langen Blick zu, den sie jedoch nicht verstand. Schließlich ließ sich der große Mann mit zusammengekniffenen Lippen kopfschüttelnd von d‘Artagnan und Treville, der sich ihnen angeschlossen hatte, zur Tür begleiten.

Athos was ebenfalls aufgestanden, drückte im Vorbeigehen sachte Aramis‘ Schulter, nickte ihr mit einem ebenso undefinierbaren Blick zu und ging zur Tür. Bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal zu Anna um. „Kommst du?“

Anna schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss noch mit Aramis reden.“

Athos kniff die Augen zusammen und legte den Kopf ein wenig schief, sagte jedoch nichts und verließ ebenfalls den Behandlungsraum.

„Anna, du weißt, ich brauche jetzt Ruhe zum Arbeiten und…“

„Nicolas, bitte, nur ganz kurz, ich verspreche es dir!“

Lemay wandte sich Aramis zu, der sofort nickte, und seufzte dann frustriert. „Nun gut, ein paar Minuten, aber wenn ich fertig bin, dann gehst du, verstanden? Ich kann wirklich keine Ablenkungen gebrauchen.“

„Ja, natürlich, Danke!“ Anna konnte die Erleichterung, die sie empfand, nicht verbergen. Sie war gekommen, um mit Aramis zu reden, sie musste ihm einfach alles erzählen, sie wollte es keine Sekunde mehr hinausschieben müssen.

„Was genau meintest Du eigentlich mit Operation?“ fiel ihr auf einmal wieder ihre Frage von zuvor ein und sie blickte zu Lemay hinüber.

„Mein Rücken,“ antwortete Aramis statt des Arztes leise und fügte hastig, bevor Anna einen Schritt um ihn herum machen konnte, hinzu, „Es ist aber nicht so schlimm wie es aussieht!“

Anna wusste, dass Aramis immer dazu tendierte, seine Verletzungen in ihrer Gegenwart herunter zu spielen und misstraute seiner gehetzten Aussage. Er schien zu wissen, was sie vorhatte, denn er hob ein wenig die Hand und wollte sie davon abhalten, nach hinten zu treten, doch jetzt wollte sie es erst recht wissen und bereute es sofort.

Hätte ich bloß auf ihn gehört. Sie spürte den Schock, den der Anblick seines zerfetzten Rückens bei ihr auslöste wie einen elektrischen Impuls, der von ihrem Kopf in jeden Teil ihres Körpers schoss und ihr blieb beinahe das Herz stehen. Sie konnte nicht verhindert, dass sie erschüttert aufkeuchte und ihr augenblicklich Tränen in die Augen stiegen. Anna schlug eine Hand vor den Mund und taumelte zurück. Es war ihr ein Rätsel, wie Aramis das aushalten konnte, niemand konnte solche Schmerzen aushalten und doch saß er hier und streckte beruhigend seine Hand nach ihr aus.

„Anna, komm, komm her, lass es einfach und glaube mir, es ist nicht so schlimm…“, versuchte Aramis Anna erneut zu beruhigen.

Anna musste beinahe hysterisch auflachen, sie glaubte ihm kein Wort. Als sie jedoch sah, dass ihre Reaktion ihn noch mehr leiden ließ, gab sie seiner Lüge um seinetwillen nach. Sie nahm seine ausgestreckte Hand und drückte sie sanft, um ihm zu zeigen, dass sie sich wieder etwas gefangen hatte.

Lemay hatte mittlerweile begonnen, eine weitere Ampulle des Schmerzmittels aufzuziehen und in die letzten Reste der Infusion zu injizieren. Anna sah ihm immer noch verstört dabei zu, unschlüssig, wo sie sich hinstellen sollte, um ihm nicht im Weg zu sein. Als der Arzt fertig war, ging er zu seiner Tasche und fing an zu rumoren. Er holte ein kleine Flasche Morphium heraus, ebenso wie eine charakteristische Lederrolle, in der er wohl steriles Operationsbesteck mit gebracht hatte und stellte alles auf den Tisch. Bedächtig rollte er das Lederbündel auseinander und betrachtete die Instrumente. Als er zufrieden mit dem war, was er sah, nickte er sich einmal selbst zu und begann erneut, im Arztköfferchen zu kramen.

Meine Güte, was braucht er denn so lange, erfasste Anna eine größer werdende Ungeduld.

Als könnte Lemay ihre Gedanken lesen, ging er rasch zur Behandlungsliege zurück, die vor einem weißen Metallkasten mit verglasten Türen stand. Er war dabei so im Gedanken versunken, dass er beinahe mit Anna zusammengestoßen wäre, die nur durch einen großen Schritt zur Seite verhindern konnte dass Lemay sie niederstieß.

„Anna!“, sagte er überrascht. „Bitte entschuldige, ich habe dich ganz vergessen. Ich habe kein Äther für die Sedierung mit und muss nachsehen, ob es hier welchen gibt.“

Anna sah, dass Aramis bei der Erwähnung des Äthers die Augenbrauen zusammenzog und sein Gesicht einen Moment noch eine Spur schmerzerfüllter aussah als es ohnehin war. Sie trat schnell zu ihm hin und legte ebenso wie Athos zuvor ihre Hand auf seine Schulter, wohlweislich seinen Rücken ignorierend.

Lemay öffnete den Medizinschrank und begann, Ampullen und Fläschchen hin und her zu schieben, aber offensichtlich ohne Ergebnis. Seine Mundwinkel zuckten unwirsch, als er sich wieder an Anna und Aramis wandte. „Es gibt hier kein Äther, ich muss rüber ins Hauptgebäude und welchen holen. Wenn ich zurück komme, fange ich unverzüglich an, ist das klar?“

Diesmal war sich Anna sicher, dass der Arzt keinen weiteren Aufschub dulden würde. „Ja, natürlich.“

„Gut, dann gehe ich jetzt. Es wäre förderlich, wenn du Aramis dabei helfen könntest, sich auf die Liege zu legen.“ Er sah Anna mit der ganzen Autorität eines Oberarztes an und sie nickte sofort pflichtbewusst.

Anna war froh, dass Lemay endlich zur Tür ging und sie mit Aramis alleine war. Sie nahm sich einen Sessel, schob ihn vor Aramis und setzte sich ihm gegenüber hin.

Als sich ihre Blicke trafen und sie in seine Augen sah, die voller Wärme und Zärtlichkeit durch all die Schmerzen hindurch glänzten, durchflutete sie ein Gefühl der Liebe, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Sie tauchte ein in diesen Moment, löste sich auf, aufgezehrt vom Glück des Augenblicks und sie begriff, dass sie ihr Ich an sein Du verloren hatte. Nun gab es ein Größeres, ein Wir, das im Begriff war zu entstehen und das weit über sie beide hinauswies. Sie wollte ihm so viel sagen, so viel erzählen, doch jedes Wort schien zu kurz zu greifen und nicht einmal annähernd dem zu entsprechen, was sie unter ihrem Herzen und in ihrer Seele trug.

Mi amada, du hättest nicht kommen dürfen“, flüsterte Aramis mit einem leichten Zittern in der Stimme und sie wusste, dass er sich ebenso ihrer Liebe ergeben hatte wie sie.

„Ich musste kommen, Aramis. Ich hatte solche Angst um dich, ich würde es nicht überleben, wenn du…“, ihr versagte die Stimme, denn ein Leben ohne ihn wäre vollkommen unvorstellbar und nun, da sie diesen Schritt gewagt hatte, war sie bereit, es der ganzen Welt zu erzählen und es mit jedem aufzunehmen, der sich gegen sie und ihre Liebe stellen würde.

Aramis lächelte und hob unendlich langsam und unter Schmerzen seine Hand und berührte zärtlich ihre Wange.

„Es ist vorbei. Ich bin hier, bei dir“, tröstete er sie liebevoll mit leiser Stimme.

Seine Augen bekamen einen eigenartigen Glanz von Stärke und Zuversicht, wo es doch sie sein sollte, die ihn eigentlich stützen und trösten müsste. Stattdessen saß er da, zerschlagen, am Ende seiner Kräfte und gab ihr das Gefühl, dass er lieber ein einziges Leben mit ihr verbringen würde, als alle Zeitalter der Welt alleine zu durchleben. Er hatte schon längst das Leben mit ihr gewählt, bereits an jenem Tag, als er sich schützend über sie geworfen hatte und nun war sie an der Reihe, zu ihrer Liebe zu stehen.

Sie schmiegte ihr Gesicht kurz an seine blutige Handfläche und ergriff nun ihrerseits sachte Aramis verletzte Hand, die sie, während sie vom Sessel aufstand behutsam zur Seite drehte und auf ihren Bauch legte. Sie ließ Aramis keinen Moment aus ihren Augen und lächelte ihn an.

Dies hier war der Augenblick, den sie sich in all den Jahren zuvor so sehnlichst gewünscht, tausende Male vor ihrem geistigen Auge hin und her bewegt und von dem sie nur zu träumen gewagt hatte. Sie hatte nicht mehr damit gerechnet, jemals in die Augen eines geliebten Mannes zu blicken und die Verheißung der guten Hoffnung in sich zu tragen. Sie hatte vor langer Zeit den tiefen Schmerz annehmen müssen, der sich jeden Monat aufs Neue über ihre Lebendigkeit und den Sinn ihres Daseins gelegt hatte und Stück für Stück das Versprechen einer erfüllten Zukunft begraben hatte.

Und nun stehe ich hier und trage sein Kind unter meinem Herzen, und sie konnte diesen Gedanken tausende Momente der zerbrochenen Erwartungen und ebensolcher Tränen später selber kaum fassen. Aber Anna begriff gerade in diesem Augenblick des großen Glücks mehr als in allen Augenblicken zuvor, dass auch der erlittene Schmerz mitschwang, aufgefangen, aber nicht verschwunden. In der Liebe waren Zuversicht und Leid aufs Engste miteinander verbunden, eine sich ereignende Einheit von Leben und Tod, doch immer zugunsten des Lebens.

Aramis sah sie an und an seinem beschleunigten Atem und dem Strahlen in seinen Augen konnte Anna erkennen, das er die Botschaft verstanden hatte.

„Anna – ist das wahr?“, war alles, was er stammelnd hervorbrachte, während er ebenfalls, sich schwer am Tisch abstützend aufstand und ein immer breiter werdendes Lächeln sich über sein Gesicht legte. Er schien seine Schmerzen für einen Moment vergessen zu haben, denn er nahm Anna überraschend fest in seine Arme und barg sein Gesicht in ihrem Hals.

Anna wagte nicht, ihn weiter zu berühren, aber sie drückte ihren Kopf gegen den seinen und spürte, wie Tränen ihre Wangen hinunter liefen. Sie wusste nicht, wie lange sie so dagestanden waren, Zeit und Raum verschmolzen zu einer Einheit unbändiger Lebensfreude, in der die Hoffnung über allem stand. Irgendwann nahm Aramis ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie sanft. Anna spürte den blutigen Schorf seiner aufgerissenen Lippe und schmeckte das Kupfer seines getrockneten Blutes. Dieser Kuss war für sie wie ein Versprechen, dass er sie niemals verlassen würde und er bereit war, den neuen, unbekannten Weg mit ihr gemeinsam zu gehen, koste es, was es wolle.

Der Moment ihrer Herzen wurde jedoch wieder allzu schnell von der Wirklichkeit eingeholt, denn Aramis stöhnte nun doch schmerzerfüllt auf und sank erschöpft auf den Hocker zurück. Er war in dem Sog ihrer Gefühle über seine Grenzen gegangen und Anna hatte die dumpfe Ahnung, dass er sich keine einzige Sekunde länger würde halten können. Sie stützte ihn, so gut es ging, mit ihrem ganzen Körper, doch sie wusste, dass Aramis keine Kraft mehr hatte.

„Komm, Aramis, ich helfe dir, wir müssen dich zur Liege bringen!“

Aramis nickte schwach und lehnte sich schwer an sie. Gemeinsam gingen sie langsam die wenigen Schritte zur Behandlungsliege hin, während Anna auch den Ständer mit der Infusion mit schob. Es tat Anna selber weh zu sehen, wie sehr selbst die kleinste Bewegung Aramis quälte und er mit zusammengebissenen Zähnen versuchte, durch den Schmerz zu atmen. Er setzte sich auf die Liege und gerade als sie ihm behutsam helfen wollte, sich auf diese zu legen, merkte sie, dass die Infusion im Weg war. In diesem Moment öffnete sich gottlob die Tür und Lemay kam zurück.

Der Arzt wirkte erleichtert, dass Anna Aramis tatsächlich zur Liege gebracht hatte, fast schien es ihr, als habe er nicht damit gerechnet. Lemay nickte Anna dankbar zu und legte die mitgebrachten Narkoseutensilien, eine obligatorische Tropfmaske mit passgenauen Wolltüchern, auf den kleinen Tisch neben der Liege. Aramis sah die Instrumente und erbleichte wieder. Anna wusste nicht warum, aber sie bemerkte, dass ihr Geliebter Angst vor der Sedierung hatte. Sie setzte sich, während Lemay die Infusion aus seinem Bein zog und die kleine Wunde abpresste, neben Aramis hin und strich ihm erneut eine Haarsträhne aus seiner verschwitzen Stirn.

„Alles gut, mon cher, ich bleibe bei dir!“, versicherte sie ihm und einen Herzschlag später nickte er.

Wie konnte ich das nur vergessen, fiel es Anna wieder ein und griff in die Tasche ihrer Jacke. Sie zog einen silbernen Rosenkranz heraus. Das alte Familienerbstück war verziert mit blauen Edelsteinen und aufwendig graviert. Das wertvolle kleine Kunstwerk hatte jahrelang in ihrer Schmuckkiste gelegen, aber seit sie mit Aramis zusammen war und sie seinen aufrichtigen Glauben kennen gelernt hatte, wurde sie den Gedanken nicht mehr los, dass er ihn haben sollte.

„Wenn du ihn trägst, dann liegt ein Teil von mir auf deinem Herzen“, flüsterte Anna liebevoll, während sie den Rosenkranz Aramis vorsichtig in die Hand legte.

Aramis nickte dankbar und seine Augenwinkel wurden feucht, während er das kostbare Gut umfasste, zu seinem Mund führte und sanft küsste. Als er tief durchatmete, wusste Anna, dass er wieder die nötige Kraft geschöpft hatte, um sich seinen Ängsten zu stellen und sich dem Notwendigen zu ergeben.

Anna half Aramis dabei, sich bäuchlings auf die Liege zu legen, wobei es ihr schwer fiel, sein Zittern und unterdrücktes Stöhnen zu ignorieren.

Lemay hatte in der Zwischenzeit alles vorbereitet und warte geduldig, bis der Scharfschütze sich wieder ein wenig gefasst hatte. „Wollen wir?“

Aramis zuckte bei den Worten ein letztes Mal zusammen, ehe er nickte, ohne dabei seinen Blick von Anna zu wenden. Anna war neben der Liege in die Hocke gegangen, ganz nah bei Aramis' Kopf, so dass sie Lemay nicht im Weg war und dennoch Augenkontakt mit Aramis halten konnte. Lemay setzte Aramis die Maske auf und applizierte die Äthermischung Tropfen für Tropfen auf die Wolltücher, bis Aramis Augen zu blinzeln begannen. Anna sah, wie er gegen die Kraft seiner schweren Lider anzukämpfen versuchte und seine Hand sich ein wenig fester um den Rosenkranz schloss, doch schließlich gewann die Macht der Substanzen und Aramis musste nachgeben. Seine Augen schlossen und seine Züge entspannten sich, doch der Rosenkranz fiel nicht aus seiner Hand.

„Er ist jetzt bewusstlos, Anna, er hat keine Schmerzen, das versichere ich dir! Geh jetzt bitte, ich informiere euch, wenn er wieder munter ist!“ Lemay schaute Anne voller Zuversicht in die Augen und lächelte beruhigend.

Anna wusste, dass sie dem Arzt das Leben von Aramis anvertrauen konnte und atmete tief durch. Sie erhob sich, hauchte Aramis einen letzten Kuss auf die Wange und wandte sich zum Gehen. „Danke, Nicolas! Für alles!“

Der Arzt nickte ihr zu, aber es war ihm deutlich anzumerken, dass er mit seinen Gedanken bereits bei der Operation war und im Grunde nur mehr darauf wartete, dass sie endlich ging. Anna lächelte zurück und öffnete die Tür, die für sie nunmehr zu einem Symbol für ihr neues Leben geworden war.

Sie trat in den dunklen Gang und das Licht, das von hinten an ihr vorbei den dunklen Vorraum flutete, fiel auf eine Gestalt, die sich an einen gegenüberliegenden Türrahmen lehnte.

Athos.

Kurz erschrak sie über seine Anwesenheit, aber seine ganze Körperhaltung und der ruhige Gesichtsausdruck sagten ihr, dass er nicht hier war, um sie zur Rede zu stellen. Sie schwiegen beide während Anna hinter sich die Tür zuzog und ihre Augen an das dunkle Dämmerlicht im Gang gewöhnte. Schließlich stieß sich Athos vom Türrahmen ab und streckte ihr den angewinkelten Ellbogen entgegen.

„Komm, die anderen sind schon in Trevilles Büro und warten auf dich! Es gibt wohl einiges zu erklären.“ Athos Stimme war ruhig und gefasst und doch kam es Anna so vor, als würde ein unterschwelliger Vorwurf in der Stimme mitschwingen.

„Es wird sich nicht vermeiden lassen, nicht wahr?“ Anna versuchte zu lächeln, aber die Nervosität, die sich mittlerweile über ihre Zuversicht gelegt hatte, vereitelten ihren Versuch. Es war eine Sache, sich mit Aramis in einem Raum zu befinden und zu ihm und ihrer Liebe zu stehen, aber etwas ganz anderes, sich alleine in die Höhle der Löwen zu wagen und den engsten Freunden von Aramis das zu erklären, was sie wenige Minuten zuvor gesehen hatten.

Athos brummte lediglich als Antwort, schüttelte knapp den Kopf und deutete noch einmal mit dem Ellbogen an, dass er auf sie wartete.

Anna seufzte und hängte sich bei ihm ein. Athos Arm war genauso stark und kräftig wie sein Wille und Anna wusste, er würde sie nicht im Stich lassen und ihr notfalls gegen den Rest der Musketiere beistehen. Auch wenn er nicht mit allem einverstanden war, was Aramis und sie betraf, so wusste sie, dass sie auf ihn zählen konnte. Gemeinsam gingen sie die Treppen zu Trevilles Büro im Dachgeschoss hoch und Anna lächelte verstohlen bei dem Gedanken, dass sie zum ersten Mal im hellen Licht des Tages und vor aller Augen den offiziellen Weg in das oberste Stockwerk nahm.

Kapitel 19

 

Fremde Türen zu öffnen heißt neue Räume zu betreten!

Anna wusste nicht warum ihr gerade jetzt, als sie die silberne, angelaufene Türklinke nach unten drücken wollte, dieser Spruch in den Sinn kam, dennoch zögerte sie nun. Sie hatte im Laufe ihres Lebens viele Veränderungen erlebt, komplexe Vorgänge, die sich nur durch Stärke, Dauer und Häufigkeit unterschieden, gleitende Übergänge von einer Situation in dir nächste, oft so klein, dass sie sie selbst kaum wahrgenommen hatte.

„Was genau mache ich hier?“, murmelte sie unsicher.

Sie hatte sich bereit gefühlt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, stark und entschlossen und alles, was dieses Leben bisher ausgemacht hatte, hinter sich zu lassen. Oh ja, sie wusste, die Gründe, die sie an diesen Ort, zu diesem Moment getrieben hatten, waren gut genug, dennoch ließ sie die Bedeutung des Augenblicks inne halten.

Wenn ich diese Tür öffne, dann gibt es kein Zurück mehr...Anna hatte Angst davor, was ihr die Zukunft bringen würde, auch wenn es eine Zukunft mit dem Mann, den sie wahrhaftig liebte wäre. Es wäre gewiss eine Zukunft voller Kämpfe, aber dennoch war sich Anna sicher, dass sie jeden einzelnen von ihnen auf sich nehmen würde. Mit Aramis an ihrer Seite würden sich unendlich viele neue Türen öffnen, neue Räume erschließen, von denen sie bereits gedacht hatte, dass sie sie niemals würde betreten können – und nun stand sie hier, bereit, den einen Schritt zu wagen, der alles ändern würde. Es wäre kein kleiner Schritt, heimlich und winzig, es wäre ein Schritt, der einem Erdbeben gleich käme und jeder um sie herum würde es bemerken.

Anna atmete tief durch, straffte sich und öffnete die Tür.

Aramis saß auf einem kleinen Hocker neben einem Tisch in der Mitte des Behandlungsraums. Mit einem Blick erfasste sie sein blutverkrustetes Gesicht, seinen zerschlagenen Körper, die wunden Händen und den Schmerz, der ihn gefangen hielt. Aber sie sah auch sein Lächeln, das aus seinem tiefsten Inneren zu kommen schien und den beinahe verklärten Blick, ganz so als wäre sie selbst der Heilige Gral, gekommen, um ihn von all seinem Leid zu erlösen und ewiges Leben zu spenden.

Nichts und niemand wird mich jemals wieder von ihm trennen, und Anna wusste in diesem Moment, dass sie dir richtige Entscheidung getroffen hatte.

Die Menschen, die ihm am meisten bedeuteten, standen bei Aramis und umringten ihn. Ihre Gesichter spiegelten die große Sorge um den Mann, den sie alle gleichermaßen liebten, aber auch die Bereitschaft, ihn nicht allein zu lassen in seinem Schmerz, wider. An ihrer Körperhaltung und den Schweißrändern, die sich unter den Achseln der obligatorischen braungrünen Hemden gebildete hatten, konnte Anna auch die Anstrengung und Anspannung ablesen, die es sie gekostet haben musste, Aramis zu befreien.

Anna fühlte, wie in ihr tiefe Dankbarkeit zu keimen begann, diese Menschen hatten alles für das Wohlergehen von Aramis riskiert und würden ungeachtet der Konsequenzen ebenso wie sie selbst an seiner Seite bleiben.

Und ich habe mir Sorgen gemacht, dass sie uns nicht verstehen würden, lächelte Anna innerlich.

„Anna!” Treville, der bei ihrem Eintreten auf der grünen Behandungsliege gesessen hatte, erhob sich und zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. Sein Blick glitt zu der kleinen Reisetasche in ihrer Hand, Anna wusste, dass dem Hauptmann in der Regel nichts entging. „Was machst du denn hier?”

Anna schloss behutsam die Tür und ihr war klar, dass die Aufmerksamkeit aller Anwesenden nun voll und ganz auf sie gerichtet war. Sie blickte jedem von ihnen in die Augen und lächelte. „Ich wollte sehen, wie es Aramis geht!“, erwiderte sie und stellte ihre Tasche neben sich auf den Boden ab. „Ich werde bei ihm bleiben und auch nicht wieder gehen. Nie wieder!”, fügte sie leise hinzu und trat näher an Aramis heran. Porthos und Lemay wichen erstaunt zur Seite und Anna konnten nun erkennen, wie schwer seine Wunden tatsächlich waren. Wie verletzlich er aussieht!

„Wie meinst Du das? Nie wieder...“ fragte Athos skeptisch, obwohl er bereits einen Verdacht zu haben schien. Sein sonst so stoisches Gesicht, an dem sie eher selten seine Emotionen ablesen konnte, verzog sich, als habe er Magenschmerzen bekommen.

Anna antwortete nicht, sondern kniete sich vor Aramis hin, um mit ihm auf gleicher Höhe zu sein. Erst jetzt konnte sie erkennen, wie schwer seine Wunden tatsächlich waren und sie spürte einen Stich in ihrem Herzen. Sie konnte nicht einmal erahnen, was er alles durchgemacht haben musste, aber sie sah, wie sehr er jetzt litt. Sie streckte ihre Hand aus und strich zärtlich und behutsam über jede einzelne Wunde in seinem Gesicht, die aufgeplatzten Stellen seiner Haut und Lippen, die blutverkrusteten Abschürfungen, die geschwollenen Wangen. Er zuckte hie und da zusammen, aber er wandte keinen Moment seine dunklen Augen von ihr ab, ganz so, als könnte er es nicht fassen, dass sie wirklich hier war. Sie erhob sich, strich Aramis eine verklebte Locke aus der Stirn und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die schweißnasse Stirn, ehe sie sich wieder zu Athos und den anderen wandte.

„Ich bleibe hier, bei Aramis, bei dem Mann, den ich liebe!“ Mit diesem einen Satz ordnete Anna ihr Schicksal neu und durchschritt den Türbogen in ein neues Leben. Einen Moment lang herrschte absolute Stille im Raum und Anna sah nur allzu deutlich die unterschiedlichen Emotionen, von Überraschung bis Erschrecken, die den Männern ins Gesicht geschrieben standen.

Treville öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Lemay kam ihm zuvor.

„Anna! Schön, dich wieder zu sehen“, sagte der Arzt in einem unverbindlichem Plauderton, „wenngleich die Umstände ein wenig ungewöhnlich sind, nicht wahr? Wie geht es deinem Vater? Ich habe ihn bei unserer letzten Vorstandssitzung vermisst!“

Auch wenn er wohl die Bedeutung dessen, was er gerade gesehen hatte, verstanden hatte, so war Lemay mit Leib und Seele Arzt und das Wohl seiner Patienten stand bei ihm seit jeher an oberster Stelle. Anna war sich sicher, dass er nicht zulassen würde, dass sie hier und jetzt einen Disput führen würden, denn im Augenblick gab es dringlichere Aufgaben zu bewältigen und sein Patient hatte oberste Priorität vor allem anderen. Lemay trat also wieder zu Aramis hin und begann, ohne wirklich eine Antwort von Anna zu erwarten, betont unbekümmert die Infusion zu überprüfen. „Die Kochsalzlösung ist bald durch, ich werde Ihnen vor der Operation eine weitere Dosis Procain geben, es hat auch eine gute beruhigende Wirkung!“

„Operation?“, fragte Anna erschrocken nach.

„Wie hast du das genau gemeint, dass du bei Aramis bleibst?“, hakte nun Treville noch einmal nach, der sich nicht von Lemays Geplauder hatte ablenken lassen und sein Gesichtsausdruck verriet, dass ihm das Thema plötzliche Kopfschmerzen bereitete.

Anna war klar, dass Treville als enger Vertrauter von Ludwig genau wusste, welche Konsequenzen ihr Handeln nach sich ziehen würde, der aber im gleichen Atemzug auch immer schon begriffen hatte, was für ein Mensch Ludwig war und was sie in den letzten Jahren alles hatte aushalten müssen. Wenn sie es ihm erklären würde, dann würde Treville sie verstehen und darüber hinaus sogar noch unterstützen, aber ein Blick auf Lemays Gesicht sagte ihr, dass der Arzt anfing, ungeduldig zu werden, also verkniff sie sich die Antwort, sie würde später mit ihnen allen reden.

„Habe ich da irgendetwas nicht mitgekriegt?“ Porthos, der sich keinen Millimeter weg bewegt hatte, klang aufgebracht mit einem Hauch von Wut und Unverständnis und Anna merkte, wie sie wieder unsicherer wurde. Porthos war ein in jeder Hinsicht hingebungsvoller Mensch, wenn es um diejenigen ging, die er liebte, aber er war ihr auch eine Spur zu ungehobelt und direkt.

„Porthos, lass mich erklären, wir haben…“, Aramis der sich mittlerweile aus der Gefühlstrance, in die Annas Erscheinen ihn versetzt hatte, gelöst hatte, war wohl auch klar geworden, wie Annas Auftritt auf die anderen wirken musste und dass alle Anwesenden außer Athos bislang nichts von ihrer Affäre wussten.

Aramis hatte ihr immer wieder erklärt, dass es ihn belastete, gerade Porthos nichts von ihrer Beziehung zu erzählen, aber Anna hatte darauf bestanden, dass es niemand erfahren dürfe – zu übermächtig war ihr Ludwig und seine mögliche Reaktion damals erschienen. Das hatte sich jetzt geändert, aber dennoch war klar, dass es hier mit einem schnellen Gespräch nicht getan war.

„So, Schluss jetzt, meine Herren...und Dame!“ Lemays Stimme klang erstaunlich resolut und er schien um ein paar Zentimeter gewachsen zu sein. „Ich werde jetzt meinen Patienten auf die Operation vorbereiten, aber dazu muss ich mich konzentrieren. Ich kann dabei keinerlei Ablenkung gebrauchen, also muss ich alle Anwesenden hinaus bitten!“

Lemay sah jeden einzelnen von ihnen an und seine Körperhaltung verriet, dass er nicht vor hatte, sich in seinem Entschluss beirren zu lassen. Dies hier war sein Schlachtfeld, als Arzt trug er jeden Tag die Verantwortung für viele Leben und musste Entscheidungen treffen, mit denen manche nicht immer einverstanden waren. Es war klar, dass er hier keine Ausnahme machen würde.

D‘Artagnan, der bislang kein Wort gesagt, aber das Geschehen mit einem erstaunten Ausdruck beobachtete hatte, war der erste, der reagierte. Anna vermutete, dass ihm zu viele Emotionen in der Luft waren, er sah ohnehin etwas mitgenommen aus. Der junge Mann stand von seinem Fensterplatz auf, ging zu Porthos und legte seine Hand auf dessen Schulter, Anna konnte aber nicht hören, was er zu ihm sagte. Aus Porthos Körperhaltung entwich die größte Spannung und er warf Aramis einen langen Blick zu, den sie jedoch nicht verstand. Schließlich ließ sich der große Mann mit zusammengekniffenen Lippen kopfschüttelnd von d‘Artagnan und Treville, der sich ihnen angeschlossen hatte, zur Tür begleiten.

Athos was ebenfalls aufgestanden, drückte im Vorbeigehen sachte Aramis‘ Schulter, nickte ihr mit einem ebenso undefinierbaren Blick zu und ging zur Tür. Bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal zu Anna um. „Kommst du?“

Anna schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss noch mit Aramis reden.“

Athos kniff die Augen zusammen und legte den Kopf ein wenig schief, sagte jedoch nichts und verließ ebenfalls den Behandlungsraum.

„Anna, du weißt, ich brauche jetzt Ruhe zum Arbeiten und…“

„Nicolas, bitte, nur ganz kurz, ich verspreche es dir!“

Lemay wandte sich Aramis zu, der sofort nickte, und seufzte dann frustriert. „Nun gut, ein paar Minuten, aber wenn ich fertig bin, dann gehst du, verstanden? Ich kann wirklich keine Ablenkungen gebrauchen.“

„Ja, natürlich, Danke!“ Anna konnte die Erleichterung, die sie empfand, nicht verbergen. Sie war gekommen, um mit Aramis zu reden, sie musste ihm einfach alles erzählen, sie wollte es keine Sekunde mehr hinausschieben müssen.

„Was genau meintest Du eigentlich mit Operation?“ fiel ihr auf einmal wieder ihre Frage von zuvor ein und sie blickte zu Lemay hinüber.

„Mein Rücken,“ antwortete Aramis statt des Arztes leise und fügte hastig, bevor Anna einen Schritt um ihn herum machen konnte, hinzu, „Es ist aber nicht so schlimm wie es aussieht!“

Anna wusste, dass Aramis immer dazu tendierte, seine Verletzungen in ihrer Gegenwart herunter zu spielen und misstraute seiner gehetzten Aussage. Er schien zu wissen, was sie vorhatte, denn er hob ein wenig die Hand und wollte sie davon abhalten, nach hinten zu treten, doch jetzt wollte sie es erst recht wissen und bereute es sofort.

Hätte ich bloß auf ihn gehört. Sie spürte den Schock, den der Anblick seines zerfetzten Rückens bei ihr auslöste wie einen elektrischen Impuls, der von ihrem Kopf in jeden Teil ihres Körpers schoss und ihr blieb beinahe das Herz stehen. Sie konnte nicht verhindert, dass sie erschüttert aufkeuchte und ihr augenblicklich Tränen in die Augen stiegen. Anna schlug eine Hand vor den Mund und taumelte zurück. Es war ihr ein Rätsel, wie Aramis das aushalten konnte, niemand konnte solche Schmerzen aushalten und doch saß er hier und streckte beruhigend seine Hand nach ihr aus.

„Anna, komm, komm her, lass es einfach und glaube mir, es ist nicht so schlimm…“, versuchte Aramis Anna erneut zu beruhigen.

Anna musste beinahe hysterisch auflachen, sie glaubte ihm kein Wort. Als sie jedoch sah, dass ihre Reaktion ihn noch mehr leiden ließ, gab sie seiner Lüge um seinetwillen nach. Sie nahm seine ausgestreckte Hand und drückte sie sanft, um ihm zu zeigen, dass sie sich wieder etwas gefangen hatte.

Lemay hatte mittlerweile begonnen, eine weitere Ampulle des Schmerzmittels aufzuziehen und in die letzten Reste der Infusion zu injizieren. Anna sah ihm immer noch verstört dabei zu, unschlüssig, wo sie sich hinstellen sollte, um ihm nicht im Weg zu sein. Als der Arzt fertig war, ging er zu seiner Tasche und fing an zu rumoren. Er holte ein kleine Flasche Morphium heraus, ebenso wie eine charakteristische Lederrolle, in der er wohl steriles Operationsbesteck mit gebracht hatte und stellte alles auf den Tisch. Bedächtig rollte er das Lederbündel auseinander und betrachtete die Instrumente. Als er zufrieden mit dem war, was er sah, nickte er sich einmal selbst zu und begann erneut, im Arztköfferchen zu kramen.

Meine Güte, was braucht er denn so lange, erfasste Anna eine größer werdende Ungeduld.

Als könnte Lemay ihre Gedanken lesen, ging er rasch zur Behandlungsliege zurück, die vor einem weißen Metallkasten mit verglasten Türen stand. Er war dabei so im Gedanken versunken, dass er beinahe mit Anna zusammengestoßen wäre, die nur durch einen großen Schritt zur Seite verhindern konnte dass Lemay sie niederstieß.

„Anna!“, sagte er überrascht. „Bitte entschuldige, ich habe dich ganz vergessen. Ich habe kein Äther für die Sedierung mit und muss nachsehen, ob es hier welchen gibt.“

Anna sah, dass Aramis bei der Erwähnung des Äthers die Augenbrauen zusammenzog und sein Gesicht einen Moment noch eine Spur schmerzerfüllter aussah als es ohnehin war. Sie trat schnell zu ihm hin und legte ebenso wie Athos zuvor ihre Hand auf seine Schulter, wohlweislich seinen Rücken ignorierend.

Lemay öffnete den Medizinschrank und begann, Ampullen und Fläschchen hin und her zu schieben, aber offensichtlich ohne Ergebnis. Seine Mundwinkel zuckten unwirsch, als er sich wieder an Anna und Aramis wandte. „Es gibt hier kein Äther, ich muss rüber ins Hauptgebäude und welchen holen. Wenn ich zurück komme, fange ich unverzüglich an, ist das klar?“

Diesmal war sich Anna sicher, dass der Arzt keinen weiteren Aufschub dulden würde. „Ja, natürlich.“

„Gut, dann gehe ich jetzt. Es wäre förderlich, wenn du Aramis dabei helfen könntest, sich auf die Liege zu legen.“ Er sah Anna mit der ganzen Autorität eines Oberarztes an und sie nickte sofort pflichtbewusst.

Anna war froh, dass Lemay endlich zur Tür ging und sie mit Aramis alleine war. Sie nahm sich einen Sessel, schob ihn vor Aramis und setzte sich ihm gegenüber hin.

Als sich ihre Blicke trafen und sie in seine Augen sah, die voller Wärme und Zärtlichkeit durch all die Schmerzen hindurch glänzten, durchflutete sie ein Gefühl der Liebe, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Sie tauchte ein in diesen Moment, löste sich auf, aufgezehrt vom Glück des Augenblicks und sie begriff, dass sie ihr Ich an sein Du verloren hatte. Nun gab es ein Größeres, ein Wir, das im Begriff war zu entstehen und das weit über sie beide hinauswies. Sie wollte ihm so viel sagen, so viel erzählen, doch jedes Wort schien zu kurz zu greifen und nicht einmal annähernd dem zu entsprechen, was sie unter ihrem Herzen und in ihrer Seele trug.

Mi amada, du hättest nicht kommen dürfen“, flüsterte Aramis mit einem leichten Zittern in der Stimme und sie wusste, dass er sich ebenso ihrer Liebe ergeben hatte wie sie.

„Ich musste kommen, Aramis. Ich hatte solche Angst um dich, ich würde es nicht überleben, wenn du…“, ihr versagte die Stimme, denn ein Leben ohne ihn wäre vollkommen unvorstellbar und nun, da sie diesen Schritt gewagt hatte, war sie bereit, es der ganzen Welt zu erzählen und es mit jedem aufzunehmen, der sich gegen sie und ihre Liebe stellen würde.

Aramis lächelte und hob unendlich langsam und unter Schmerzen seine Hand und berührte zärtlich ihre Wange.

„Es ist vorbei. Ich bin hier, bei dir“, tröstete er sie liebevoll mit leiser Stimme.

Seine Augen bekamen einen eigenartigen Glanz von Stärke und Zuversicht, wo es doch sie sein sollte, die ihn eigentlich stützen und trösten müsste. Stattdessen saß er da, zerschlagen, am Ende seiner Kräfte und gab ihr das Gefühl, dass er lieber ein einziges Leben mit ihr verbringen würde, als alle Zeitalter der Welt alleine zu durchleben. Er hatte schon längst das Leben mit ihr gewählt, bereits an jenem Tag, als er sich schützend über sie geworfen hatte und nun war sie an der Reihe, zu ihrer Liebe zu stehen.

Sie schmiegte ihr Gesicht kurz an seine blutige Handfläche und ergriff nun ihrerseits sachte Aramis verletzte Hand, die sie, während sie vom Sessel aufstand behutsam zur Seite drehte und auf ihren Bauch legte. Sie ließ Aramis keinen Moment aus ihren Augen und lächelte ihn an.

Dies hier war der Augenblick, den sie sich in all den Jahren zuvor so sehnlichst gewünscht, tausende Male vor ihrem geistigen Auge hin und her bewegt und von dem sie nur zu träumen gewagt hatte. Sie hatte nicht mehr damit gerechnet, jemals in die Augen eines geliebten Mannes zu blicken und die Verheißung der guten Hoffnung in sich zu tragen. Sie hatte vor langer Zeit den tiefen Schmerz annehmen müssen, der sich jeden Monat aufs Neue über ihre Lebendigkeit und den Sinn ihres Daseins gelegt hatte und Stück für Stück das Versprechen einer erfüllten Zukunft begraben hatte.

Und nun stehe ich hier und trage sein Kind unter meinem Herzen, und sie konnte diesen Gedanken tausende Momente der zerbrochenen Erwartungen und ebensolcher Tränen später selber kaum fassen. Aber Anna begriff gerade in diesem Augenblick des großen Glücks mehr als in allen Augenblicken zuvor, dass auch der erlittene Schmerz mitschwang, aufgefangen, aber nicht verschwunden. In der Liebe waren Zuversicht und Leid aufs Engste miteinander verbunden, eine sich ereignende Einheit von Leben und Tod, doch immer zugunsten des Lebens.

Aramis sah sie an und an seinem beschleunigten Atem und dem Strahlen in seinen Augen konnte Anna erkennen, das er die Botschaft verstanden hatte.

„Anna – ist das wahr?“, war alles, was er stammelnd hervorbrachte, während er ebenfalls, sich schwer am Tisch abstützend aufstand und ein immer breiter werdendes Lächeln sich über sein Gesicht legte. Er schien seine Schmerzen für einen Moment vergessen zu haben, denn er nahm Anna überraschend fest in seine Arme und barg sein Gesicht in ihrem Hals.

Anna wagte nicht, ihn weiter zu berühren, aber sie drückte ihren Kopf gegen den seinen und spürte, wie Tränen ihre Wangen hinunter liefen. Sie wusste nicht, wie lange sie so dagestanden waren, Zeit und Raum verschmolzen zu einer Einheit unbändiger Lebensfreude, in der die Hoffnung über allem stand. Irgendwann nahm Aramis ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie sanft. Anna spürte den blutigen Schorf seiner aufgerissenen Lippe und schmeckte das Kupfer seines getrockneten Blutes. Dieser Kuss war für sie wie ein Versprechen, dass er sie niemals verlassen würde und er bereit war, den neuen, unbekannten Weg mit ihr gemeinsam zu gehen, koste es, was es wolle.

Der Moment ihrer Herzen wurde jedoch wieder allzu schnell von der Wirklichkeit eingeholt, denn Aramis stöhnte nun doch schmerzerfüllt auf und sank erschöpft auf den Hocker zurück. Er war in dem Sog ihrer Gefühle über seine Grenzen gegangen und Anna hatte die dumpfe Ahnung, dass er sich keine einzige Sekunde länger würde halten können. Sie stützte ihn, so gut es ging, mit ihrem ganzen Körper, doch sie wusste, dass Aramis keine Kraft mehr hatte.

„Komm, Aramis, ich helfe dir, wir müssen dich zur Liege bringen!“

Aramis nickte schwach und lehnte sich schwer an sie. Gemeinsam gingen sie langsam die wenigen Schritte zur Behandlungsliege hin, während Anna auch den Ständer mit der Infusion mit schob. Es tat Anna selber weh zu sehen, wie sehr selbst die kleinste Bewegung Aramis quälte und er mit zusammengebissenen Zähnen versuchte, durch den Schmerz zu atmen. Er setzte sich auf die Liege und gerade als sie ihm behutsam helfen wollte, sich auf diese zu legen, merkte sie, dass die Infusion im Weg war. In diesem Moment öffnete sich gottlob die Tür und Lemay kam zurück.

Der Arzt wirkte erleichtert, dass Anna Aramis tatsächlich zur Liege gebracht hatte, fast schien es ihr, als habe er nicht damit gerechnet. Lemay nickte Anna dankbar zu und legte die mitgebrachten Narkoseutensilien, eine obligatorische Tropfmaske mit passgenauen Wolltüchern, auf den kleinen Tisch neben der Liege. Aramis sah die Instrumente und erbleichte wieder. Anna wusste nicht warum, aber sie bemerkte, dass ihr Geliebter Angst vor der Sedierung hatte. Sie setzte sich, während Lemay die Infusion aus seinem Bein zog und die kleine Wunde abpresste, neben Aramis hin und strich ihm erneut eine Haarsträhne aus seiner verschwitzen Stirn.

„Alles gut, mon cher, ich bleibe bei dir!“, versicherte sie ihm und einen Herzschlag später nickte er.

Wie konnte ich das nur vergessen, fiel es Anna wieder ein und griff in die Tasche ihrer Jacke. Sie zog einen silbernen Rosenkranz heraus. Das alte Familienerbstück war verziert mit blauen Edelsteinen und aufwendig graviert. Das wertvolle kleine Kunstwerk hatte jahrelang in ihrer Schmuckkiste gelegen, aber seit sie mit Aramis zusammen war und sie seinen aufrichtigen Glauben kennen gelernt hatte, wurde sie den Gedanken nicht mehr los, dass er ihn haben sollte.

„Wenn du ihn trägst, dann liegt ein Teil von mir auf deinem Herzen“, flüsterte Anna liebevoll, während sie den Rosenkranz Aramis vorsichtig in die Hand legte.

Aramis nickte dankbar und seine Augenwinkel wurden feucht, während er das kostbare Gut umfasste, zu seinem Mund führte und sanft küsste. Als er tief durchatmete, wusste Anna, dass er wieder die nötige Kraft geschöpft hatte, um sich seinen Ängsten zu stellen und sich dem Notwendigen zu ergeben.

Anna half Aramis dabei, sich bäuchlings auf die Liege zu legen, wobei es ihr schwer fiel, sein Zittern und unterdrücktes Stöhnen zu ignorieren.

Lemay hatte in der Zwischenzeit alles vorbereitet und warte geduldig, bis der Scharfschütze sich wieder ein wenig gefasst hatte. „Wollen wir?“

Aramis zuckte bei den Worten ein letztes Mal zusammen, ehe er nickte, ohne dabei seinen Blick von Anna zu wenden. Anna war neben der Liege in die Hocke gegangen, ganz nah bei Aramis' Kopf, so dass sie Lemay nicht im Weg war und dennoch Augenkontakt mit Aramis halten konnte. Lemay setzte Aramis die Maske auf und applizierte die Äthermischung Tropfen für Tropfen auf die Wolltücher, bis Aramis Augen zu blinzeln begannen. Anna sah, wie er gegen die Kraft seiner schweren Lider anzukämpfen versuchte und seine Hand sich ein wenig fester um den Rosenkranz schloss, doch schließlich gewann die Macht der Substanzen und Aramis musste nachgeben. Seine Augen schlossen und seine Züge entspannten sich, doch der Rosenkranz fiel nicht aus seiner Hand.

„Er ist jetzt bewusstlos, Anna, er hat keine Schmerzen, das versichere ich dir! Geh jetzt bitte, ich informiere euch, wenn er wieder munter ist!“ Lemay schaute Anne voller Zuversicht in die Augen und lächelte beruhigend.

Anna wusste, dass sie dem Arzt das Leben von Aramis anvertrauen konnte und atmete tief durch. Sie erhob sich, hauchte Aramis einen letzten Kuss auf die Wange und wandte sich zum Gehen. „Danke, Nicolas! Für alles!“

Der Arzt nickte ihr zu, aber es war ihm deutlich anzumerken, dass er mit seinen Gedanken bereits bei der Operation war und im Grunde nur mehr darauf wartete, dass sie endlich ging. Anna lächelte zurück und öffnete die Tür, die für sie nunmehr zu einem Symbol für ihr neues Leben geworden war.

Sie trat in den dunklen Gang und das Licht, das von hinten an ihr vorbei den dunklen Vorraum flutete, fiel auf eine Gestalt, die sich an einen gegenüberliegenden Türrahmen lehnte.

Athos.

Kurz erschrak sie über seine Anwesenheit, aber seine ganze Körperhaltung und der ruhige Gesichtsausdruck sagten ihr, dass er nicht hier war, um sie zur Rede zu stellen. Sie schwiegen beide während Anna hinter sich die Tür zuzog und ihre Augen an das dunkle Dämmerlicht im Gang gewöhnte. Schließlich stieß sich Athos vom Türrahmen ab und streckte ihr den angewinkelten Ellbogen entgegen.

„Komm, die anderen sind schon in Trevilles Büro und warten auf dich! Es gibt wohl einiges zu erklären.“ Athos Stimme war ruhig und gefasst und doch kam es Anna so vor, als würde ein unterschwelliger Vorwurf in der Stimme mitschwingen.

„Es wird sich nicht vermeiden lassen, nicht wahr?“ Anna versuchte zu lächeln, aber die Nervosität, die sich mittlerweile über ihre Zuversicht gelegt hatte, vereitelten ihren Versuch. Es war eine Sache, sich mit Aramis in einem Raum zu befinden und zu ihm und ihrer Liebe zu stehen, aber etwas ganz anderes, sich alleine in die Höhle der Löwen zu wagen und den engsten Freunden von Aramis das zu erklären, was sie wenige Minuten zuvor gesehen hatten.

Athos brummte lediglich als Antwort, schüttelte knapp den Kopf und deutete noch einmal mit dem Ellbogen an, dass er auf sie wartete.

Anna seufzte und hängte sich bei ihm ein. Athos Arm war genauso stark und kräftig wie sein Wille und Anna wusste, er würde sie nicht im Stich lassen und ihr notfalls gegen den Rest der Musketiere beistehen. Auch wenn er nicht mit allem einverstanden war, was Aramis und sie betraf, so wusste sie, dass sie auf ihn zählen konnte. Gemeinsam gingen sie die Treppen zu Trevilles Büro im Dachgeschoss hoch und Anna lächelte verstohlen bei dem Gedanken, dass sie zum ersten Mal im hellen Licht des Tages und vor aller Augen den offiziellen Weg in das oberste Stockwerk nahm.