Herz und Seele Frankreichs von RoostersCromedCDF
Durchschnittliche Wertung: 5, basierend auf 1 BewertungenKapitel Epilog
Außerhalb von Paris, Anfang September 1944
Aramis fuhr in einem gemächlichen Tempo dahin, den warmen Wind im Haar, mit jedem Atemzug das Strahlen der sommerlichen Natur um sich herum aufsaugend. Er inhalierte das Gefühl der Freiheit und er konnte sich nicht sattsehen an dem Land, das ihn umgab und das nun bald wieder wirklich frei sein würde! Das grelle Licht der Mittagssonne war jenem milden Goldorange gewichen, das sich um diese Jahreszeit in den späteren Nachmittagsstunden immer über den aufgeheizten Grund und Boden legte und noch eine lange Abenddämmerung verhieß.
Aramis hatte es nicht eilig, er kannte den Weg und anders als in jener Nacht gab es nun keine Bedrohung mehr, die jederzeit wie eine Schlange aus dem Dickicht zuschlagen würde. D‘Artagnan hatte ihm sein Motorrad geliehen, eine beeindruckende große Maschine, elegant und schnell – Weiß der Teufel wo er die wieder her hatte! - und er genoss das Dahingleiten über die sanften Hügel und die gewundenen Güterwege der Weinberge. Die Lavendelernte war längst vorbei, doch noch immer hing ihr Duft in der Luft, zusammen mit dem Geruch des trocknenden Heus, der unverkennbar auch das Ende des Sommers einläutete.
Er stoppte genau an jenem Punkt, an dem Ludwig ihn hinauf geschickt hatte, den Konvoi zu sichern und auch diesmal fand er zielsicher die Stelle, die er vor beinahe zwei Jahren als Stellung gewählt hatte. Wieder ließ er sich im rauen Haidegras nieder, umgeben vom Tanz der Insekten in der Sonne und dem erdigen Duft des wilden Thymians. Aramis blickte über das Tal und als er zu beten begann, spürte er, wie tiefe Ruhe ihn erfüllte. Die einfachen Worte der Dankbarkeit im Einklang mit der schlichten Schönheit der Natur legten sich wie Balsam auf seine nach wie vor aufgewühlte Seele und er fühlte die Gegenwart Gottes bis tief in sich hinein. Gracias al Señor! Dass er hier war, leben und lieben konnte, grenzte für ihn immer noch an ein Wunder, das er nicht wirklich verstand, aber in Momenten wie diesen war ein Verstehen auch nicht notwendig. Er war eins mit der Welt um sich herum und er fühlte die Verbundenheit aller Dinge, verwoben zu einem großen Ganzen, an dem er seinen kleinen Anteil hatte. Aus einem spontanen Impuls heraus rollte Aramis sich auf den Rücken und schaute in den Himmel. Seine Gedanken glitten wie die hohen Wolkenbänder an ihm vorüber, er machte sich nicht die Mühe, sie festzuhalten, sondern ließ sie ebenso treiben.
Irgendwann fuhr er weiter, stetig seinem Ziel entgegen und es dauerte nicht lange, bis er am Ende des kleinen Feldweges angekommen war. Der Eingang der Höhle war leicht zu finden, wenn man wusste, wo man suchen musste. Aramis stieg vom Motorrad, klopfte den Staub von seiner Hose und griff sich die mitgebrachte Sturmlampe. Holzplanken verwehrten ihm den Zugang, aber es dauerte nicht lange und er betrat das kleine Höhlensystem.
Aramis ging langsam tiefer hinein, die Kühle im Inneren des Berges genießend, bis er die ersten Kunstwerke entdeckte. Sie lagen zwar wild durcheinander, Statuen, Holzkisten, Bilder, doch Aramis konnte erkennen, dass sie einst liebevoll abgelegt worden waren. Während er immer weiter in die Höhle eindrang, musste er einfach hie und da seine Hand ausstrecken und im Vorbeigehen liebevoll über all die Schätze streichen. Der Staub der Vergänglichkeit hatte sich in den letzten zwei Jahren über sie gelegt, aber bald würden sie wieder wie Phönix aus der Asche in neuem Glanz erstrahlen und ihre angestammten Plätze in der Mitte der Zivilisation einnehmen.
Aramis lächelte, als er schließlich fand, wonach er gesucht hatte. Ein Fahrer des Lastwagens hatte ihm den genauen Platz beschrieben und vorsichtig griff er nach der großen, flachen Holzkiste. Es überraschte ihn ein wenig, wie leicht sie war, wo doch ihr Inhalt so viel Gewicht hatte. Aramis trug sie behutsam aus dem Dunkel der Höhle hinaus ins Licht der Sonne, gleichsam aus der Finsternis der Barbarei zurück in das helle Licht der Menschlichkeit.
Ein kurzer Schauer rann ihm bei diesem Gedanken über seinen Rücken, er hatte nicht bemerkt, wie kühl es in der Höhle tatsächlich gewesen war und so genoss er die warme Luft, die ihn wie Wasser umfing.
Aramis legte seinen kostbaren Fund auf den Boden vor der Höhle und öffnete die Holzkiste mit einem kleinen, mitgebrachten Stemmeisen. Er befreite das Bild von der schützenden Holzspäne, holte es ehrfürchtig aus dem Kasten und lehnte es bedachtsam an den Baumstamm einer mächtigen Kiefer. Er sehnte sich danach, es zu berühren, also strich er andächtig und beinahe scheu mit seinen Fingern über das Bild und fuhr den Konturen des Gemäldes nach.
Schließlich trat er ein paar Schritte zurück und ließ das geheimnisvolle Lächeln und den undurchschaubaren Blick der Frau auf sich wirken. Tiefe Freude erfasste ihn bei diesem Anblick, der für ihn in diesem Moment ein Sinnbild für das Herz und die Seele Frankreichs war. Auch wenn sie eigentlich eine Italienerin ist, korrigierte er sich ein klein wenig amüsiert.
Aramis bemerkte, wie sein linker Daumen immer wieder unbewusst über die kleine, wulstige Narbe an seinem Handgelenk fuhr. Es gab ihm einen Stich, wenn er daran dachte, dass jener Mann, der ihm diese Narben verpasst und ihn so mit den Malen des Bösen gebrandmarkt hatte, für den Rest seines Lebens mit ihm verbunden sein würde. Aber angesichts der Schönheit vor ihm und des Reichtums der Schätze hinter ihm, war er zur tiefen Überzeugung gelangt, dass sie sein Opfer wert gewesen waren. Er würde die Zeichen seiner Qual, jede einzelne Narbe wie Stigmata tragen, offene Symbole eines beinahe gebrochenen Körpers, aber noch viel mehr eines ungebrochenen Geistes. Er dachte voller Zärtlichkeit an all die Menschen, die er liebte, seine Brüder, seine Frau, sein ungeborenes Kind, das er bald in seinen Armen halten würde. Und er dachte an all die anderen Menschen seiner Nation, die begierig darauf warteten, ihr Leben ebenso wieder neu zu ordnen und es erfüllte ihn mit stolz, dass er seinen Beitrag dazu geleistet hatte.
Als die Sonne langsam, aber sicher unterging, löste er sich aus seinem meditativen Zustand, legte das kostbare Bild liebevoll in die Holzkiste und verschloss sie wieder gewissenhaft. Er brachte sie zurück an ihre Schlafstelle, wohl wissend, dass es nun nicht mehr lange dauern würde, bis sie wieder an ihrem traditionellem Platz hängen würde!
Als Aramis das Motorrad bestieg, drehte er sich noch einmal um, um einen letzten, prüfenden Blick auf diese ungewöhnliche Schatzkammer zu werfen und er lächelte versonnen bei dem Gedanken, dass der eigentliche Reichtum seines Landes die Herzen und Seelen der Menschen waren, die es bewohnten.
Er ließ den Motor der Maschine an und fuhr, den Staub des trockenen Sommerbodens aufwirbelnd, den Feldweg zurück. Es juckte ihn in den Fingern und so zog Aramis beinahe übermütig das Motorrad hoch. Er gab sich dem Rausch der Geschwindigkeit hin und auf einmal sah er aus seinen Augenwinkeln heraus seine Musketierpferde neben sich über die Weite der Felder donnern. Sie flogen dahin, geblähte Nüstern, pulsierende Adern unter glänzendem Fell, ungestüm und wild, voller Kraft und Lebendigkeit – und Aramis flog mit ihnen!
Fin