O du fröhliche Weihnachtszeit von Athelas

Leise rieselt der Schnee

Anmerkung der Autorin:

Da es ja im Moment Adventszeit ist, habe ich mich entschieden, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben, so untypisch sie auch sein mag.
Die Geschichte besteht aus drei Kapiteln und ich werde an jedem Adventssonntag ein weiteres Kapitel online stellen, bis zu Weihnachten hin.
Man könnte es als Geschenk betrachten, oder vielleicht auch nur als guter Vorwand, um regelmässig zu posten...

Dann möchte ich Silvia ganz herzlich für die kurzfristige Korrektur danken, sie hat mir wirklich geholfen.

Nun, ich wünsche euch viel Spass mit meiner ersten Musketier-Geschichte!

 

1. Leise rieselt der Schnee

Es war Weihnachtsabend.

Die ganze Stadt Paris lag unter einer dicken Decke von Schnee begraben, und noch immer rieselten feine Flocken auf die Dächer und Häuser hinab. Viele der Fenster der Bürgerhäuser waren von einem stillen Kerzenschein beleuchtet, und aus einigen undichten Türen strömte der herrliche Duft eines Festmahls.

D’Artagnan hob schnuppernd die Nase in die Luft, während sein Bauch ihm mit einem lauten Grollen zu verstehen gab, dass auch er dem Gedanken an ein Festmahl durchaus nicht abgeneigt war. Die Vorfreude auf ein warmes Mahl und einen Becher hervorragenden Weines vermochte seine etwas grimmige Stimmung bezähmen. Für einen Augenblick rückte sein Ärger über Monsieur de Tréville und den unerwarteten Wachtdienst vor dem Louvre in den Hintergrund. Der Hauptmann hatte es für nötig gehalten, einen seiner besten Musketiere – und dazu noch Leutnant seit kurzem – an diesem heiligen Abend zur Wache einzuteilen, denn genau zu solch unerwarteten Zeitpunkten geschähen schliesslich die gefährlichsten Überfälle. D’Artagnan hatte sich grummelnd fügen müssen, was dazu geführt hatte, dass er die Weihnachtsmesse verpasst hatte. Natürlich war aber während seiner Schicht nichts Aufregendes geschehen, ausser der erstaunlichen Tatsache, dass seine Zehen nach sechs Stunden im Schnee wahrhaftig noch lebten.

Doch dies alles gehörte nun der Vergangenheit an, und auch d’Artagnans Groll schwand allmählich, als er die friedliche Umgebung betrachtete. Der Schnee, den er noch vor einer Stunde mit seinen wütenden Blicken am liebsten zum Schmelzen gebracht hätte, war ihm selten so lieblich erschienen, denn er verlieh den Häusern und Straßen etwas Sanftes und Unberührtes. D’Artagnan fühlte sich augenblicklich in Weihnachtsstimmung.

Wenn er sich richtig erinnerte, war dies der erste Winter seit seiner Ankunft in Paris, wo an Weihnachten wirklich Schnee lag. D’Artagnan grinste. In der Gascogne lag selten Schnee, und so hatte er sich um so mehr auf eine weisse Weihnachten gefreut, als er nach Paris gezogen war. Doch weit gefehlt. In den letzten drei Jahren hatte es an Weihnachten stets geregnet.

Hingegen heute abend... D’Artagnan seufzte zufrieden, richtete seinen Blick gegen den Himmel und beobachtete mit kindlicher Freude, wie die Schneeflocken gemächlich auf die Erde schwebten. Die stets belebte Stadt zeigte sich für einmal still und friedlich, was wohl auch daran liegen mochte, dass zu dieser Uhrzeit alle guten Christenmenschen – und auch alle übrigen Leute, die sich nach einem warmen Plätzchen sehnten – in der Kirche saßen und der Weihnachtsmesse lauschten. Doch der Ärger über die verpasste Messe war verschwunden, und d’Artagnan fühlte sich längst durch die winterliche Landschaft besänftigt.

Es gab wohl nur einen einzigen Menschen in ganz Paris, der sich nicht von der weihnachtlichen Stimmung zufrieden stellen und milde stimmen ließ, und der junge Musketier hatte das Pech, sich in seiner Gesellschaft zu befinden.

„Ich verstehe diese Menschen nicht, d’Artagnan“, sagte Athos missmutig und versetzte einem naheliegenden Schneewall einen Tritt. „Seit zwei Wochen beklagen sich die Bürger  über den Schnee und versuchen mit allen Mitteln, ihn von den Strassen zu bekommen und heute, an Weihnachten, halten sie auf einmal Lobreden über die weisse Pracht, und sie singen Lieder über dieses willkommene Geschenk. Wenn Ihr mich fragt, so bleibt dieses weisse Teufelszeug auch heute ekelhaft kalt, und beim nächsten Westwind wird es sich sowieso in braunen Matsch verwandeln. Vielleicht gedenke ich dereinst ein Liedchen über diesen Aspekt der weissen Pracht zu dichten, und ich werde an Weihnachten auch bestimmt jeden Bürger damit behelligen.“

Diese mürrische Schmährede auf den Schnee brachte d’Artagnan ein kurzes Lächeln auf die Lippen, auch wenn er seinem Freund bei weitem nicht zustimmen konnte. Doch sagte er nichts und warf statt dessen von der Seite einen Blick auf Athos. Dieser hatte seinen Mantel fest um sich selbst geschlungen und dennoch konnte d’Artagnan ein leichtes Zittern beobachten. Sein Freund erstickte ein Husten in seinem Ärmel. Das edle Gesicht trug die Farbe des Untergrundes, auf dem sie gingen, und doch wollte Athos es weder sich selbst noch sonst jemandem eingestehen, dass er stark erkältet war und ins Bett gehörte.

„Mein Freund“, begann d’Artagnan, „es ist kein Wunder, dass Ihr die Leute nicht versteht, so selten wie Ihr Euch unter das Volk mischt. Gewöhnliche Menschen können sich an dem wunderschönen Anblick des Schnees erfreuen, doch ich sollte es mittlerweile besser wissen, als Euch zu den gewöhnlichen Menschen zu zählen. Ausserdem hat Euch niemand dazu gezwungen –  im Gegensatz zu mir –  noch sechs zusätzliche Stunden in diesem 'ekelhaften Teufelszeug', wie Ihr es zu nennen pflegt, zu verbringen. Im Gegenteil, ich habe Euch ausdrücklich befohlen, den Abend freizunehmen um Eure angeschlagene Gesundheit zu pflegen. Manchmal muss ich mich schon wundern, wie nachlässig Ihr mit Eurem Körper umgeht, Athos.“

Der Angesprochene zuckte nur mit den Schultern und erwiderte nichts.

D’Artagnan musste sich beherrschen um nicht laut aufzuseufzen. Bereits den ganzen Abend lang hatte Athos kaum zwei Worte über die Lippen gebracht, seine recht detaillierte Stellungsnahme die Freuden des Schnees betreffend einmal ausgenommen. Denn, wie es bereits angedeutet wurde, hatte der ältere Musketier sich keineswegs an die Anweisungen seines Leutnants gehalten und sich statt dessen freiwillig zur Wache gemeldet. Der eigentlich diensthabende Musketier hatte dieses Geschenk natürlich ohne Zögern angenommen, um Weihnachten mit seiner Familie zu verbringen.

„Wenn Ihr doch Euren sturen Kopf einmal zu Hause lassen könntet, mein Freund“, murmelte d’Artagnan ganz leise zu sich selbst, so dass Athos es nicht hörte, „dann wäre auch Eure Erkältung und vor allem Euer verdammter Husten schon lange kuriert.“

Wie um diese Aussage zu bekräftigen, schüttelte ein neuer Hustenanfall Athos’ schmale Gestalt, und an seinen vornübergebeugten Schultern konnte d’Artagnan erkennen, dass es ihm Schmerzen bereiten musste.

„Aber nein“, führte d’Artagnan sein leises Selbstgespräch fort und merkte, wie seine eben noch friedliche Weihnachtsstimmung erneut schwand, „Ihr musstet Euch freiwillig zur Wache melden und als ich ablehnte, hattet Ihr nichts Besseres zu tun, als Euch trotzdem vollbewaffnet neben mich vor dem Louvre aufzustellen. Ihr wusstet genau, dass ich die andere Wache wegschicken würde, was ich dann auch getan habe, nach einer gewissen Zeit. Pardieu, manchmal frage ich mich, weshalb Ihr den Leutnantsposten nicht angenommen habt, Ihr hört ja ohnehin nicht auf mich und schlussendlich muss ich mich nach Euch richten!“

Obwohl man anhand dieses Selbstgesprächs hätte annehmen können, dass d’Artagnan tatsächlich verärgert über Athos war, so diente dieser Verdruss eher dem Vorwand, über die tiefer liegende Sorge um seinen Freund hinwegzutäuschen. Denn es war wieder einer der Abende, an denen alles Elend der Welt auf Athos’ Schultern zu sitzen schien. Seit Miladys Tod waren diese melancholischen Anfälle häufiger und stärker geworden, anstatt sich zu bessern.

Ausserdem war dies der erste Abend, an dem d’Artagnan völlig allein mit einem niedergeschlagenen und tristen Athos zu schaffen hatte. Bis jetzt waren immer entweder Aramis oder Porthos – wenn nicht meistens beide zusammen – bei ihm gewesen und hatten ihn vom traurigen Zustand seines Freundes abgelenkt. Doch Aramis war seit einem halben Jahr spurlos verschwunden, und Porthos hatte vor drei Wochen seinen Dienst quittiert, um seine Procureuse zu heiraten. Mehr denn je vermisste d’Artagnan nun die Anwesenheit seiner anderen beiden Freunde.

Von einer Kirche klang gedämpft der Gesang eines Kinderchors herüber, und es war das einzige Geräusch neben dem Knirschen des Schnees unter ihren schweren Stiefeln. D’Artagnan hielt auf dem Kirchplatz an, um der lieblichen Musik besser lauschen zu können, doch Athos drängte ihn weiter.

„Kommt schon, es zieht mich in ein warmes Wirtshaus. Ihr könnt solch unreinen Tönen auch anderswo lauschen. Ich frage mich, wie weit die Kirche nun schon gesunken ist, um eine solche Verhöhnung der geistlichen Musik durch einen Haufen von Bälgern zuzulassen. Dass dies alles an Weihnachten stattfindet, betrübt mich um so mehr,“ meinte Athos mit einer Bissigkeit, die ihm normalerweise völlig fremd war.

D’Artagnan runzelte die Stirn, denn er konnte die miserable Stimmung seines Freundes immer weniger ertragen, je länger der Abend fortschritt. Athos schien es anscheinend darauf angelegt zu haben, ihm Weihnachten noch vollkommen zu verderben.

„Nun seid Ihr aber ungerecht, mein Lieber“, entgegnete d’Artagnan und nahm sich vor, die schlechte Laune seines Freundes nicht einfach so hinzunehmen, vor allem nicht an Weihnachten. „Erstens singen diese Kinder ganz hübsch und zweitens ist es doch ein guter Zug der Kirche, auch die Jüngeren mit in die Messe einzubeziehen.“

Athos blieb abrupt stehen und wandte sich mit funkelnden Augen zu d’Artagnan um, so dass dieser instinktiv einen Schritt rückwärts machte und sich bereits fragte, was er wohl Falsches gesagt hatte.

„Die Kirche“, begann Athos beinahe aufbrausend, „gebraucht diese Kinder doch nur, um mehr Spendengelder am Schluss der Messe zu ergattern. Das ist reine Berechnung, nichts anderes, und es betrübt mich zu sehen, dass Ihr genau so naiv wie der ganze Pöbel dort drinnen auf diesen Trick hineingefallen wärt.“

Athos hatte laut gesprochen, und so war es nicht verwunderlich, dass ihn erneut ein Hustenanfall packte und er eine ganze Weile brauchte, um wieder zu Atem zu kommen. Dies gab d’Artagnan die Zeit, um seine nächsten Worte vorsichtig, aber dennoch bestimmt zu wählen.

„Ich weiss nicht, was heute Abend in Euch gefahren ist, Athos, aber Eure Gesellschaft ist mir beinahe unerträglich. Ihr scheut einerseits keine Hindernisse, um unbedingt mit mir zusammen während der Weihnachtsmesse Wache zu stehen, doch seid Ihr andererseits kaum auf meine Gespräche eingegangen. Jetzt da die Wache zu Ende ist, wisst Ihr offensichtlich nichts Besseres zu tun, als Eure schlechte Laune an mir auszulassen. Ich schätze das nicht besonders.“

Athos starrte ihn für einen Augenblick an, dann drehte er sich auf dem Absatz um, und ging davon. Verblüfft schaute d’Artagnan seinem Freund nach ohne sich zu rühren. Vielleicht waren das nicht gerade die Worte gewesen, die Athos hatte hören wollen. Als der ältere Musketier schon beinahe um die Hausecke verschwunden war, riss sich d’Artagnan endlich aus seiner Starre und lief seinem Freund nach.

„He, Athos!“, rief er und legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn zurückzuhalten, „Ihr könnt jetzt nicht einfach so davonlaufen! Meine Worte waren nicht böse gemeint. Ich kann einfach nicht verstehen, weshalb Ihr an einem wunderschönen und heiligen Abend wie diesem in so griesgrämiger Stimmung sein könnt.“

Die Worte waren in versöhnlichem Tonfall gesprochen. Athos blickte d’Artagnan lange und fest an, was Letzterem einen unangenehmen Schauer über den Rücken laufen ließ. Athos’ dunkle Augen, die normalerweise freundlich und warm dreinblickten, schienen nun so eisig, als wollten sie sich dem Wetter anpassen. Die Blässe des älteren Musketiers hatte an diesem Abend nichts Edles an sich, sondern ließen das schöne Gesicht wie tot oder eingefroren wirken. Das lange schwarze Haar verstärkte den Kontrast noch mehr und selbst die Lippen, blutleer und zu einem dünnen Strich zusammengepresst, gaben dem Antlitz kaum Farbe oder Leben.

„Leutnant, ich merke, wann meine Gesellschaft überflüssig wird. Ich wünsche Euch ein frohes Weihnachtsfest.“

Die zwei Sätze wurden mit einer solchen Kälte ausgesprochen, wie d’Artagnan es noch nie von seinem Freund gehört hatte. Er war derart überrascht und verletzt, dass er nichts unternahm, als Athos sich mit einer mokierten Bewegung verbeugte und dann unter dem anhaltenden sanften Schneefall um die Ecke verschwand.

Ein zufällig verübergehender Spaziergänger hätte meinen können, dass dem jungen Musketierleutnant die Stiefel im Schnee festgefroren wären, so reglos blieb er an Ort und Stelle stehen.

Nach einiger Zeit öffnete sich die schwere, zweiflügelige Türe der Kirche, und Menschen strömten auf den verschneiten Platz hinaus. D’Artagnan riss sich endlich aus seiner Erstarrung und wandte sich langsam der Masse zu, welche die Kirche verliess. Familien waren es hauptsächlich; die Kinder strahlten und ihre Wangen glühten rot, als sie nun angeregt ihren Eltern vom eindrücklichen Krippenspiel und der wunderbaren Musik erzählten.

D’Artagnan, obwohl immer noch schockiert und verletzt, musste beinahe lächeln, als er die Begeisterung der Kinder hörte. Man hätte meinen können, die Eltern wären nicht selber bei der Messe mit dabei gewesen.

D’Artagnan schaute zur geöffneten Türe der Kirche, wo er den Priester mit einer Schale stehen sah, in welche die Leute Spenden hineinwarfen. Nach kurzem Zögern ging d’Artagnan auf ihn zu.

Der Priester war ein älterer Herr mit einem rundlichen Gesicht und zwei lebendig dreinblickenden, freundlichen Augen. Sein sanftes Lächeln wirkte, im Gegensatz zum Lächeln vieler seiner Kollegen, weder gespielt noch erzwungen.

„Guten Abend, Monsieur“, begrüsste ihn der Priester. „Wünscht Ihr Euch in Gottes Haus aufzuwärmen? Ihr seht aus, als könntet Ihr die Wärme gut gebrauchen.“

„Danke, Vater“, erwiderte d’Artagnan langsam, „aber ich wollte eigentlich nur eine Spende für den Kinderchor hinterlassen, der mich selbst auf dem Vorplatz entzückt hat.“

Während d’Artagnan das Geldstück in die Schale warf, konnte er unauffällig die sich bereits angesammelte Summe abschätzen. Er wusste nicht genau, warum er dies tat oder was ihm die Antwort nützen würde, aber er wollte sich vergewissern, ob Athos die Wahrheit gesagt hatte, als er meinte, ein Kinderchor bringe mehr Einnahmen für die Kirche. Und tatsächlich, die Schale war bis zum Rand gefüllt mit weit mehr Spendengeldern als es für eine Weihnachtsmesse üblich war.

Der Priester schenkte ihm ein freundliches Lächeln, nicht ahnend, welche Gedankengänge sein Gegenüber verfolgte, und sagte dann: „Vielen Dank, Monsieur. Diese Spende, die Ihr so großzügig gegeben habt, wird den Waisenkindern helfen, ihr weiteres Leben besser vorbereitet zu beschreiten.“

D’Artagnan, der sich bereits zum Gehen gewandt hatte, drehte sich verwirrt um.

„Welche Waisenkinder?“

„Oh, ich vergaß, Ihr wart ja nur auf dem Vorplatz und konntet der Messe nur eingeschränkt folgen. Der Chor, den Ihr gehört habt, besteht aus Waisenkindern, die von unserer Kirche unterstützt werden und die ihre Bildung von uns erhalten, unter anderem auch im Singen. Diese Spende hilft, die Nahrung, Unterkunft und Kleidung der Kinder sicherzustellen. Deswegen wohl auch die großzügigen Spenden der anderen Messbesucher!“

Der Priester lachte zufrieden und nickte dann d’Artagnan zum Abschied zu, bevor er in die Kirche zurück ging, wo der Chor ihn freudig begrüsste. Der junge Musketier hörte das Lob des Priesters für die Kinder und sah, wie sie in Antwort darauf strahlten.

„Es ist beruhigend zu sehen, dass Ihr auch nicht alles wisst, Athos“, murmelte d’Artagnan vor sich hin und ging dann nachdenklich die Kirchentreppe hinunter.

*          *          *          *          *

Es hatte aufgehört zu schneien, als d’Artagnan erneut durch die Gassen ging, dieses Mal aber alleine. Gleich um die Ecke befand sich der „Tannenzapfen“, sein bevorzugtes Wirtshaus. Doch an diesem Abend bog er nicht wie gewöhnlich in die nächste Gasse ein, sondern ging geradeaus weiter, obwohl sein Bauch vor Hunger knurrte.

D’Artagnan konnte sich gut vorstellen, wer bereits im „Tannenzapfen“ saß, in einer Ecke weit hinten und umgeben von leeren Weinflaschen. Nein danke, für diesen Abend hatte er lange genug das Ziel für Athos’ schlechte Laune gespielt und falls er den restlichen Abend doch noch irgendwie retten wollte, dann würde er sich besser aus der Reichweite seines Freundes begeben.

Dessen herablassende Bemerkung über den Kinderchor und die Geldgier der Kirche lagen ihm noch zu frisch im Gedächtnis. Dazu hörte er noch immer in seinem Ohr diese zwei letzten Sätze, die mit einer solchen Kälte ausgesprochen worden waren, dass es d’Artagnan geschmerzt hatte. „Leutnant“ hatte Athos ihn genannt, dieser sture Griesgram! Als würde sie nicht seit vier Jahren eine enge Freundschaft verbinden!

Der Schock wich langsam und d’Artagnans gascognisches Blut echauffierte sich immer mehr, je länger er darüber nachdachte. Wütend stieß er die Türe zu einem Gasthaus auf, welches sich „L’épée de François I“ nannte. Beinahe hätte er einem Mann die Türe ins Gesicht geworfen, als dieser von innen das Wirtshaus verlassen wollte. Der andere, ein junger Edelmann, wollte sich sogleich lautstark beschweren, aber d’Artagnan öffnete nur wortlos seinen Mantel und zeigte dem verdutzten Edelmann seine Musketierleutnantsuniform, die überall bekannt war. Der andere Mann trollte sich ohne Äusserung auf die Straße.

„L’épée de François I“ war gut gefüllt, doch wenn sich im „Tannenzapfen“ hauptsächlich Musketiere und Gardisten bewirten ließen, so traf sich doch hier eher der Adel aus den höheren militärischen Rängen. D’Artagnan erinnerte sich nun wieder, weshalb er lieber im „Tannenzapfen“ einkehrte: Es war um einiges günstiger dort. Jedoch war ihm dieser Umstand im Augenblick einerlei, wichtiger war, die Distanz zu Athos zu wahren.

D’Artagnan setzte sich an einen Tisch in der Ecke und sogleich kam ein junges Serviermädchen zu ihm.

„Was wünscht der Herr?“, fragte sie und musterte den jungen Musketier dabei keck von oben bis unten, wobei sie sich anscheinend nicht entscheiden konnte, ob ihr das Gesehene oben oder unten besser gefiel.

D’Artagnan hatte nichts gegen eine kleine Ablenkung, denn das Mädchen war von reizender Gestalt mit einem ebenmäßigen Gesicht und langen schwarzen Haaren.

„Was hast du denn zu bieten?“, fragte er leise und schaute ihr lange in die dunklen Augen. Die junge Frau errötete dabei kein bisschen, sondern lächelte nur kokett.

„Ich bringe Euch das Tagesmahl mit einer Flasche Bordeaux-Wein und danach können wir uns unterhalten, mein Dienst ist gleich zu Ende.“

Damit schoß sie ihm noch einmal einen Blick zu, bevor sie sich zur Küche begab. D’Artagnan grinste breit und schaute ihr lange hinterher. Constance kam ihm für einen Augenblick in den Sinn, doch er vertrieb sie eben so schnell wieder aus seinen Gedanken. Er wollte nicht an sie denken, denn die Erinnerung an sie und ihre Liebe schmerzten noch zu stark. Doch stand er deswegen körperlichen Freuden keineswegs abgeneigt gegenüber.

Diese Frau hier war jung, genau wie er. Warum sollten sie wertvolle Zeit vergeuden, sich einander vorzustellen, wenn es für beide doch nur darum ging, sich zu amüsieren?

Das Serviermädchen kam bald zurück, und als sie sich beim Abstellen des Gerichtes absichtlich weit über ihn beugte, stahl der Musketier ihr schnell einen Kuss. Ihre Lippen waren herrlich weich und obwohl das Essen lecker duftete, verspürte er plötzlich einen Hunger völlig anderer Natur in sich aufsteigen. Er konnte es kaum erwarten, fertig gegessen zu haben, um sich weiter mit ihr zu vergnügen. Vielleicht würde diese Weihnachten doch nicht so trostlos enden, wie er es sich vorgestellt hatte.

*          *          *          *          *

Nachdem Athos von seinem Freund weggelaufen und um die Ecke gegangen war, vergrub er seine Fingernägel so tief im Fleisch seines Armes, dass er warmes Blut an seinen Händen spürte.

Es war nicht Wut auf seinen Freund, die ihn so heftig hatte reagieren lassen, nicht Vorwurf oder Ärger, sondern etwas, das weitaus tiefer saß und dass er kaum noch steuern konnte. Alles in ihm schrie danach, sich irgendwo hinzuwerfen und zu schluchzen, zu schreien und zu weinen, doch es ging nicht. Da war ein Schmerz in ihm, der sich so tief eingefressen hatte, dass er mittlerweile ein Bestandteil seiner Seele und seines Charakters zu sein schien. Aber Athos weinte nicht, und Athos gab sich auch sonst keine Blöße. Zu lange hatte er sich selbst davon abgehalten, seinem Unglück und seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, als dass er nun einfach damit hätte beginnen können.

Und was d’Artagnan betraf... Athos hatte seinen jungen Freund nicht von sich stoßen wollen. Er hatte seine Gegenwart gebraucht, denn genau an solchen Abenden, an denen die Erinnerungen und der Schmerz beinahe unerträglich wurden, wirkte die Präsenz des jungen Gascogners wie Balsam auf seiner Seele. Die Unbeschwertheit und Lebensfreude seines Freundes vertrieben ein wenig die Schatten von Athos’ Vergangenheit. Allein waren die Erinnerungen kaum auszuhalten, jedenfalls nicht nüchtern.

Und doch wäre es egoistisch gewesen, weiterhin die Gesellschaft seines Freundes für sich zu beanspruchen. Es war besser für d’Artagnan, wenn sich ihre Wege trennen würden.

Athos biss sich auf die Zähne und schüttelte den Kopf, um seine Haare vom Schnee zu befreien. Er wusste, dass er d’Artagnan mit sich hinunter zog. Der heutige Abend war nur ein zu gutes Beispiel dafür gewesen. Er hatte nicht gewollt, dass sich seine Stimmung so stark auf seinen Freund auswirkte, aber hatte nicht dagegen ankämpfen können. Es war, als könne er nur hilflos und gefangen zuschauen, wie er zwar das eine sagen und tun wollte, jedoch genau das Gegenteil aussprach. Er war gefangen in dieser kalten und teilnahmslosen Gestalt, zu der er langsam verkümmert war und die sich Athos nannte. Es war nicht einmal mehr eine Maske, es war nur noch eine Hülle mit ungewisser Triebkraft. Es würde nicht mehr lange dauern, bis auch die Triebkraft fehlte, um diese Vortäuschung einer Person aufrecht zu erhalten.

Ein Kribbeln im Hals entwickelte sich zu einem Hustenanfall, und heisser Schmerz zuckte durch seine Brust. Athos krümmte sich vornüber und versuchte verzweifelt, wieder Luft in seine ausgehungerten Lungen zu saugen. Er glaubte, ein feines Rasseln in seiner Brust zu vernehmen.

Wäre es nicht eine gerechte Strafe des Schicksals, mich durch eine einfache Erkältung hinraffen zu lassen, dachte Athos spöttisch, doch hatte der Gedanke nichts Erschreckendes an sich. Er hatte den Tod schon früher gesucht, er durfte nicht wählerisch sein über die Möglichkeiten, die sich ihm anboten.

Wer würde schon groß um ihn weinen? Aramis und Porthos hatten ihr Musketierleben weit hinter sich gelassen, und er befand sich auf dem besten Weg, seine Freundschaft mit d’Artagnan zu zerstören. Dieser letzte Gedanke an seinen jungen Freund schmerzte ihn am meisten, auch wenn er sich selber einredete, dass es für d’Artagnan so besser war.

D’Artagnan sprühte nur so vor Lebensfreude, Tatendrang und jugendlichem Optimismus, während er, Athos, ausgehöhlt und leer durchs Leben ging. Sein vielgelobter Mut und seine Gelassenheit im Kampf waren nur die schönen Namen, die man der allumfassenden Teilnahmslosigkeit gab, die sein Leben steuerte.

Doch sich in d’Artagnans Gegenwart aufzuhalten, seinen beschwingten und geistreichen Reden zuzuhören, dies alles war für ihn ein berauschendes Gefühl, als würde er tatsächlich noch ein lebenswertes Dasein fristen, und es erinnerte ihn an eine ausnahmsweise schöne Vergangenheit.

So unglaublich es schien, aber Athos war in d’Artagnans Alter gar nicht so anders als dieser gewesen. Vielleicht etwas gebildeter und nobler, aber ein genauso feuriger Heißsporn und Draufgänger wie der junge Gascogner, der schnell liebte, ebenso schnell hasste und seine Gefühle für die ganze Welt ersichtlich auf seinen Zügen trug. Am liebsten hätte sich die Natur nach seinen Launen richten sollen; mit Sonnenschein und warmer Brise, wenn ihm das Leben zulachte und mit Blitz, Donner und Gewitterstürmen, falls er zürnte.

Ein bitteres Lächeln lag auf Athos’ Lippen, als er sich an seine Jugendzeit erinnerte. Er war naiv gewesen, und er hatte ausgeprägt gelebt, bis zu dem  Zeitpunkt, als Anne de Breuil in sein Leben getreten war. Danach war alles den Bach hinunter gegangen.

Athos war mittlerweile beim „Tannenzapfen“ angekommen und stieß mit vereisten Händen die schwere Tür auf. Bereits auf den ersten Blick erkannte er, dass das Wirtshaus zum Bersten voll war. Jedoch war er an diesem Abend nicht geneigt, sich mit einer anderen Gaststätte zufrieden zu geben. Das Serviermädchen, welches ihn als guten Kunden schätzte, erklärte ihm, dass er sich oben im ersten Stock niederlassen könne und dass er gleichwohl bedient werden würde.

Athos nickte dankend und begab sich dann zur Treppe, die Salutgrüße einiger betrunkener Schweizer ignorierend. Oben angekommen, lehnte er sich stillschweigend ans Fenster und wartete, bis das Serviermädchen seine Bestellung gebracht hatte, bevor er sich in eine Ecke setzte und die erste Weinflasche öffnete. Athos hob die geöffnete Flasche, als wolle er einem unsichtbaren Gegenüber zuprosten, und sprach leise: „Fröhliche Weihnachten, d’Artagnan. Auf dass du mich alsbald vergessen hast! Du hast dir wahrlich bessere Freunde verdient, keine verbitterten und versoffenen alten Männer.“

So spöttisch dieser Ausspruch auch klang, so lag doch eine eigenartige Ernsthaftigkeit darin. Athos leerte die Flasche in einem Zug und als er sie absetzte, waren seine Sorgen, seine schrecklichen Erinnerungen an die Geschehnisse vor acht Jahren und seine Gedanken an d’Artagnan bereits ein wenig in den Hintergrund gerutscht. Er griff nach der zweiten Flasche.