And if I were to meet.... von anonymer Autor

Perspektive von anonymer Autor

Perspektive

"Ich? Nichts. Im Übrigen, was machst du in meinem Traum?"

"Wieso deinem Traum?" Jetzt bin ich völlig verwirrt. Ich fühle mich eigentlich sehr lebendig und nicht wie das Phantasieprodukt eines anderen Menschen. Und eine Matrix gibt es nicht wirklich, oder? Bevor ich noch ernsthaft ins Philosophieren geraten kann, unterbricht Stella auch schon meine Gedanken. "Unserem Traum ... na gut. Dann stellt sich die Frage nicht mehr, was du hier machst. Hm. Aber ich bin unschuldig. Ich bin zu Hause Schlafen gegangen und dann in ,äh, einem anderen Bett wieder aufgewacht."

So, so einem anderen Bett... Unschwer zu erraten, wessen Bett wohl gemeint sein könnte. Wären wir jetzt in einem Comicstrip und nicht in einem Traum, könnte man wahrscheinlich ein verräterisches Aufblitzen in meinen Augen sehen, aber so merke ich nur betont kühl an: "Ich bin in der Badewanne eingeschlafen."

Stella zeigt eine steinerne Miene. Von Monsieur le lieutenant, der noch immer hinter der Freundin steht und sich nun langsam mit dem Gedanken anzufreunden scheint, dass zwei sehr seltsame junge Damen in sein Leben gestolpert sind, kann ich das nicht behaupten. Ich weiß sehr genau, was ihm gerade durch den Kopf geht - und das ist nichts eben schmeichelhaftes, was meinen Aufzug betrifft. Ich unterlasse es, ihn daran zu erinnern, dass er in solch einem Kleid nicht eben besser ausgesehen hat. Diese Rache kommt vielleicht noch...

"Wir sind zum Hôtel de Tréville unterwegs", räumt Stella gerade ein und ich reiße mich vom Anblick eines einerseits verwirrt und andererseits spitzbübisch dreinblickenden d'Artagnan los.""Was macht ihr dort?" Ich komme mir schon vor, wie die Anstandspolizei, neugierig, wie ich mal wieder bin. Aber nunmal ehrlich: Wie könnte ich meinen armen Leutnant allein mit Stella umherziehen lassen? Er scheint mir ohnehin nicht ganz er selbst zu sein. Also, schon er selbst - in den Grundzügen. Aber irgendetwas ist anders... "Ach so", murmele ich mehr für mich selbst, als ich beginne, zu begreifen. Stella scheint das allerdings als Antwort auf etwas zu verstehen, was sie nicht laut zu mir gesagt hat. Bevor ich noch herausfinden kann, worum es sich dabei handelt, tritt Stella auch schon endgültig aus dem Hauseingang und macht damit großzügig Platz für d'Artagnan, der sich mit einer leichten Verneigung bei mir vorstellt.

"Ich weiß, ich weiß", mache ich eine ungeduldige Handbewegung in seine Richtung, was nicht eben dazu beiträgt, dass er mich mit einem etwas freundlicherem Gesichtsausdruck bedenkt, als noch vor wenigen Minuten. Stella ist so liebenswürdig, ihm meinen Vornamen zu sagen. Ohne ein weiteres Wort bietet er Stella den Arm und dann marschieren wir los, die beiden vorneweg, ich trabe brav hinterher. Ich könnte jetzt rasend eifersüchtig sein - zumal mir jetzt, in voller Lebensgröße und nicht mehr durch den Türrahmen verdeckt, auffällt, dass der Herr Kavalier wirklich ganz mein Typ ist - aber mir ist im Augenblick etwas anderes wichtiger.

"Seid Ihr schon lange Leutnant?"

Während Stella unseren unfreiwilligen und noch immer höchst merkwürdigen Aufenthalt hier geradezu zu genießen scheint - Mein Gott, was wirft sie dem Leutnant jetzt schon wieder für einen Blick zu! - kann ich mich weniger amüsieren. Das hier fühlt sich einfach alles viel zu real an, um ein Traum zu sein - wenn gleich merkwürdigerweise alles so zu sein scheint, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Aber ich bin noch nicht aufgewacht.

"Nicht sehr lange."

Normalerweise wache ich immer dann auf, wenn ich am liebsten weiterträumen würde. Was hab' ich meinen Wecker schon verflucht! Bei dem Gedanken muss ich leise Kichern, obwohl mir nicht danach zumute ist. Normalerweise döse ich in der Wanne nur kurz ein, doch wirklich schlafen tue ich nicht. Außerdem beharrt Stella fest darauf, dass wir beide gleichzeitig den gleichen Traum haben... Also, Entschuldigung bitte, aber mir kommt das besorgniserregend vor!

"Wisst Ihr, ob Monsieur de Tréville überhaupt anwesend ist?"

Verfluchte Kälte! In den letzten Minuten habe ich völlig vergessen, wir sehr ich beim... "Aufwachen" noch gefroren habe. Aber allmählich macht es sich doch wieder bemerkbar, dass ich nicht meinen geliebten Mantel trage, sondern nur ein dünnärmeliges, schrecklich gemustertes Kleid, das knapp oberhalb meiner Knöchel endet.

"Bedauerlicherweise nicht. Ich werde es für Euch in Erfahrung bringen, wenn Ihr das möchtet." - "Ja, bitte."

Beim Gehen wird mir nicht gerade wärmer. Eher das Gegenteil, jetzt fangen auch noch meine Zähne an zu klappern. Ach, verflixt, ich friere immer so leicht. Ich reibe mir über die Arme, aber wirklich nützen tut es nichts. Mein Atem ist nur eine graue Dampfwolke und ich glaube, entweder fällt mir gleich zuerst meine Nase ab, oder meine Ohren. Ich tippe allerdings mehr auf die Nase, denn unter einigen zersauselt langen Haaren sind meine Ohren noch einigermaßen vor dem Wind geschützt, der jetzt auch noch auffrischt. Ich bibbere leise vor mich hin und hauche abwechseln in meine Handflächen. Finger werden erst blau und schwarz, bevor sie abfallen, oder? Oh bitte, ist das kalkweiß hier schon ein schlechtes Zeichen?

So in meine wenig aufmunternden Gedanken gefangen, bemerke ich es beinahe zu spät, dass d'Artagnan und Stella stehen geblieben sind. Ich sehe erst auf, als mich der Leutnant direkt anspricht und ich glaube, aus seiner Stimme einen besorgten Tonfall herauszuhören. "Ihr friert."

"Jajajajaja..." schlottere ich und beiße die Zähne zusammen, die schon wieder unkontrolliert anfangen wollen, zu klappern. Ohne einen weiteren Kommentar streift d'Artagnan seinen Mantel ab und legt ihn mir um die Schultern. Ich protestiere nicht. Aber ich grinse wie blöde, wenn auch etwas verunglückt, da unkontrollierte Muskelzuckungen jedes freundliche Lächeln gerade zu irgendetwas undeutbaren verzerren. Und Stella schenkt mir einen Blick, in dem es nun wirklich aufblitzt.

Kopfschüttelnd tritt der Leutnant wieder einen Schritt zurück und murmelt etwas von: "Um diese Zeit und bei diesem Wetter nur im Kleid unterwegs..." In diesem Moment beschließe ich, ihn niemals raus in die Kälte zu schicken. Was auch immer noch zukünftig für Ideen auf mich zukommen werden, aber ich werde niemals d'Artagnan in einer Schneewehe feststecken lassen. Und gerade haben sich auch meine Pläne hinsichtlich einiger anderer, eher unangenehmer Dinge für den Leutnant geändert. Ich bin ja nicht undankbar.

Anscheinend erwartet Monsieur le lieutenant kein Dankeswort von mir, denn er setzt sich wieder in Bewegung und hält weiter auf die Rue de Vieux-Colombier zu. Na toll, was habe ich schon wieder für einen Eindruck hinterlassen. Aber der Kampf um die Gunst des Herrn steht jetzt bei 1:1 - Ich glaube, ich amüsiere mich...

*~*~*~*

"Hast du das gesehen?" Mumm starrt ungläubig um die Hausecke, während Cloud nur mit den Schultern zuckt. Der Ex-Soldier hat sein riesiges Buttermesser gegen die Wand gestellt und sich selbst bequem daneben gelehnt, die Arme verschränkt, den Kopf gesenkt, als wäre er schon wieder ganz bei sich selbst.

Der Kommandeur der Nachtwache von Ankh-Morpok wendet sich entgeistert seinem Gefährten zu. "Wie kann dich das so kalt lassen? Gerade eben haben wir eine Niederlage hinnehmen müssen - woran nicht zuletzt Aeris dumme Idee mit dem Kleid schuld ist!"

"So bin ich eben geschaffen", winkt Cloud diese Bemerkung beiseite.

"Ohja, du fühlst dich sicher. Wegen dieser momentanen Phase von Maren" grollt Mumm und tritt zurück in den Schatten der Gasse. "Aber vielleicht denkst du auch daran, dass Stella gerade nicht damit beschäftigt ist, ein Spiel zu spielen oder ein Scheibenwelt-Buch zu lesen. Ja, sie denkt nicht einmal mehr an uns, sondern, seit sie hier ist, noch sehr viel intensiver an diesen... Leutnant!"

"Reg dich wieder ab, Herzog", sieht Cloud nun endlich auf. "Wenn es dich beruhigt, dann können wir ja allmählich zu Plan B übergehen."

"Plan B?"

"Plan B." Cloud greift nach seinem überdimensionierten Schwert und hievt es sich ohne sichtliche Kraftanstrengung über die Schulter. "Wir beweisen, wie wenig heldenhaft der Held tatsächlich ist."

"Und wie willst du das machen, Stachelkopf? Wir dürfen uns nicht zeigen."

"Wir nicht - aber die Gegenspieler dieses Romans sehr wohl", lächelt Cloud dünn und wendet sich um.

Fortsetzung folgt...