Sébastian de Bélier von andrea
Durchschnittliche Wertung: 4, basierend auf 1 BewertungenKapitel Die Tochter und der Sohn des Herrn de Bélier
Die drei Geschenke des alten d'Artagnan
... Madame d'Artagnan dagegen war eine Frau und außerdem die Mutter. Sie weinte fassungslos, und zum Lobe des jungen d'Artagnan müssen wir sagen, dass er trotz aller Anstrengung, fest zu bleiben, wie es sich für einen zukünftigen Musketier gehörte, schließlich seiner Natur erlag: Tränen, die er nur mühsam verbergen konnte, traten ihm in die Augen. Nachdem er also von beiden Eltern auf so unterschiedliche Weise Abschied genommen hatte, ging er zur Koppel um sein "Pferd" zu satteln. Während er das tat verfinsterte sich aber plötzlich, wie durch einen düsteren Gedanken, sein Gesicht und der junge Mann ließ sich nachsinnend zu Füßen einer großen Pinie nieder.
Die Tochter und der Sohn des Herrn de Bélier
Es war Anfang Juni gewesen. Die Sonne brannte unerträglich vom wolkenlosen Himmel und unser junger Freund saß mit einem breitkrempigen Hut eben unter jener alten Pinie unter der er jetzt platzgenommen hatte um über die Ereignisse der letzten Monate nachzudenken. Rosinante stand mit ein paar anderen Pferden auf der Koppel und zupfte an dem verdörrten Gras. Doch die Stille, welche zu dieser Stunde über den weiten Ebenen der Gascone lag und
d'Artagnan zu einem kurzen Mittagsschläfchen verleitet hatte, wurde plötzlich gestört.
"D'Artagnan", rief eine etwas schrille Frauenstimme, "D'Artagnan, komm doch mal bitte!"
Dieser, durch den Ruf geweckt, in welchem er die aufgeregte Stimme seiner Mutter erkannt hatte, stand etwas mühsam und unwillig auf und lief zu dem kleinen Pavillon, der dem Haus nahe stand und aus dem die Aufforderung ertönt war. Er trat ein, und da er nicht nur seine Eltern, sondern auch einen Gast, einen Edelmann in ordentlicher und sauberer Kleidung, dessen ergraute Haare jedoch zeigten, daß seine besten Jahre schon der Vergangenheit angehörten, sah, grüßte er die Anwesenden und blieb im Türrahmen stehen.
"Komm ruhig näher, mein Sohn", sagte d'Artagnans Vater freundlich, " Der Graf de Bélier hat uns die Freude eines Besuchs gemacht und möchte dir nun etwas mitteilen."
"Tja, junger Freund", begann nun der alte Graf, "Wir wollen nicht lange um die Sache herum reden, denn ich bin kein Freund von langen Gesprächen. Meine Tochter ist nun im heiratsfähigen Alter und da die Grafschaften Bélier und Artagnan in nächster Nachbarschaft liegen, dachte ich mir, die junge Valérie de Bélier könnte wohl Madame Valérie d'Artagnan werden."
"Schon", meinte d'Artagan etwas naiv, "aber dazu müßte ich ja Fräulein Valérie heiraten."
"Darum geht es ja", erwiderte der Graf de Bélier mit Nachdruck und etwas erstaunt, daß seine Worte so wenig Verständnis gefunden hatten. Doch was jetzt geschah, hatte er sicherlich noch viel weniger erwartet.
Der junge Mann, der sein Schwiegersohn werden sollte, brach nämlich in ein ungekünsteltes, schallendes Gelächter aus. "Ein wirklich guter Witz, ich soll Valérie de Bélier heiraten, wirklich gut." Doch als er merkte, daß niemand so recht mitlachen wollte, verzog sich das breite Grinsen schnell wieder von seinem Gesicht. "Das war kein Scherz?" fragte er etwas betreten.
"Nein, Monsieur d'Artagnan", meinte de Bélier ernst, "Ich bin mir auch eigentlich nicht darüber im Klaren, warum eine Heirat mit meiner Tochter so lustig wäre."
D'Artagan übersah den warnenden und zugleich bittenden Blick, den ihm sein Vater zuwarf, welcher wohl genau wußte, was sein Sohn jetzt sagen würde, und sprach: "Aber Herr Graf, jeder im Umkreis würde mich auslachen. Eure Tochter hat ja vielleicht viel Geld, aber wenn ich mir vorstelle, daß ich jeden Tag in dieses häßliche Gesicht..."
"Was!" rief der Graf auffahrend. "Ihr sagt, meine Valérie wäre häßlich?"
"Nun, Herr Graf", meinte d'Artagan, der die Bestürzung seiner Eltern und die Wut des Grafen gar nicht wahrzunehmen schien, mit der größten Ehrlichkeit. "Die Hasenscharte und den Silberblick könnte man ja vielleicht mit einem dicken Schleier verdecken, aber den Klumpfuß und..."
"Jetzt reicht es aber, junger Mann! Ihr beleidigt meine Tochter und scheint Euch nicht einmal dafür zu schämen."
"Wieso sollte ich mich für die Wahrheit schämen, Herr de Bélier?"
Noch bevor sich der Graf auf d'Artagan stürzen konnte, stellte sich sein Vater vor ihn.
"Entschuldigt, Herr Graf", sagte er. "Mein Sohn ist noch ein halbes Kind, er ist naiv und weiß nicht immer, was er tut.”
"Hoffentlich weiß er recht gut, wie man den Degen führt."
"Natürlich weiß er das, aber Ihr werdet Euch doch nicht herablassen, noch dazu wegen solch einer Kleinigkeit..."
"Oh doch", meinte der Graf kühl zu dem besorgten Vater. "Ein Duell. Aber nicht ich werde gegen dieses Kind kämpfen, sondern mein Sohn. Sébastian ist gerade aus Paris zurückgekehrt, er wird die Ehre seiner Schwester schon zu verteidigen wissen. Lebt wohl." Mit diesen Worten drehte der Graf de Bélier sich ruckartig um und verließ hocherhobenen Hauptes das Anwesen der d'Artagnan. Als er weg war, wandte sich der alte d'Artagnan ernst seinem Sohn zu. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, ergriff der junge Mann das Wort. "Ihr habt gesagt, ich soll immer die Wahrheit sagen, Vater, ein echter Edelmann sagt immer die Wahrheit."
"Ich weiß, mein Sohn, aber es gibt Notlügen. Die wendet man an, um höflich zu sein oder um zum Beispiel einem Freund zu helfen, der in der Klemme sitzt, verstehst du?"
"Natürlich, aber das hätte ich früher wissen müssen. Sagt mir doch Vater, wer ist eigentlich dieser Sébastian de Bélier, mit dem ich die Ehre haben werde, mich zu schlagen?"
"Sébastian ist Soldat beim König und hat gute Chancen, demnächst Musketier zu werden, er versteht es recht gut zu fechten."
"Nun", meinte d'Artagan. "Ihr habt mich gelehrt, den Degen zu führen und ich beherrsche die Finten und Paraden wie weit und breit kein anderer, habt Ihr gesagt, Vater."
"Ja, das habe ich gesagt und ich setze viel Vertrauen in deine Kampfkunst", sagte der alte Mann nicht ohne Zuversicht, während er einen Brief aufhob und las, der gerade unter der Türschwelle durchgeschoben worden war. "Morgen früh, auf der Freifläche zwischen Bélier und dem Weingut ‘Lucien’, keine Sekundanten. Viel Glück, mein Sohn."
Am nächsten Tag in aller Frühe, als das Gras noch naß vom Tau war, die aufgehende Sonne aber bereits einen heißen Tag verriet, trafen auf der Ebene hinter dem Weingut "Lucien" zwei junge Männer aufeinander, verbeugten sich kurz und gingen mit ihren gezogenen Degen in die Sixteinlage. In dem einen dieser Männer erkennen wir natürlich unseren jungen Freund d'Artagnan. Sein Gegenüber mochte ungefähr 23 Jahre alt sein. Er hatte ein längliches Gesicht, blondes Haar und schöne blaue Augen, die aber etwas zusammengekniffen wirkten und dadurch eine gewisse List verrieten. Dieser mittelgroße, schlanke Mann, dem d'Artagnan zwar nicht mit Angst aber mit Achtung gegenübertrat, war also Sébastian de Bélier. Gerade sollten sich die Klingen kreuzen und damit das Duell eröffnen, da zog Sébastian zum Erstaunen d'Artagans seinen Degen zurück.
"Eine Frage noch, junger Freund, bevor wir uns die Köpfe einschlagen", begann er. "Was verschafft mir eigentlich das Vergnügen eines Kampfes mit Euch?"
D'Artagnan war etwas erstaunt über diese Frage, aber da er in den freundlichen Worten keinerlei Ironie oder gar eine versteckte Beleidigung finden konnte, antwortete er höflich: "Ich verschaffe Euch dieses Vergnügen, mein Herr. Euer Vater hat mich gefordert, weil ich Euer Fräulein Schwester beleidigt habe."
"Was habt Ihr denn gesagt?"
"Ich meinte, sie habe einen Silberblick, eine Hasenscharte und einen Klumpfuß."
"Das habt Ihr wirklich gesagt?" fragte Sébastian lachend, während er seinen Degen einsteckte und dem erstaunten d'Artagnan freundschaftlich die Hand reichte. "Ein wahres Meisterstück, mein Freund, besser hätte ich es selbst nicht ausdrücken können. Aber das reicht ja noch nicht, Ihr solltet ihre Ohren sähen, wenn sie wollte, könnte sie damit durch die Lüfte segeln wie ein Schmetterling, so groß sind sie."
"Herr de Bélier", erwiderte d'Artagnan, der gar nicht fassen konnte, wie Sébastian über seine eigene Schwester redete. "Beherrscht Euch ein wenig, sie ist schließlich Eure Schwester!"
"Ihr habt recht, d'Artagnan. So war doch Euer Name, nicht wahr? Ich vergesse manchmal meine guten Manieren, als Soldat achtet man nicht so auf die Etikette. Aber setzen wir uns doch, es ist so unbequem, ein Gespräch im Szu führen." Mit diesen Worten ließ Sébastian sich ins Gras fallen und d'Artagnan tat es ihm gleich. In dem jungen Mann war die Neugierde aber auch die Bewunderung für diesen Soldaten erwacht, der so überhaupt nicht dem entsprach, was er sich unter einem höflichen, zuvorkommenden Kavalier, baldigen Musketier und schon gar nicht unter dem Sohn des Grafen de Bélier vorgestellt hatte.
"Ihr kommt also aus Paris?" fragte er darum höflich, um das begonnene Gespräch wieder aufzunehmen.
"Jawohl, wollt Ihr wissen, wie es dort ist?"
D'Artagnan nickte.
"Paris", fing Sébastian begeistert an, "Paris ist das Herz Frankreichs, gar nicht zu vergleichen mit dieser Einöde. Man betritt die Stadt und alles ist voller Menschen und Tieren und Fuhrwerken. Es gibt dort an jeder Ecke Marktstände und schöne Frauen und Wirtshäuser und mitten in diesem Gewühl sieht man die blitzenden Degen und blauen Uniformen der königlichen Musketiere. Wahrscheinlich werde ich auch bald eine solche Uniform tragen, jawohl. Ihr kennt wahrscheinlich den Spruch: Steh ich im Feuer, mein ist die Welt, bin ich vielleicht nicht Offizier, so bin ich doch ein Musketier. Und Ihr junger Freund, was wollt Ihr mit Eurem künftigen Leben anstellen?"
Für d'Artagnan, der eben noch mit seinen Gedanken in Paris gewesen war, kam diese Frage etwas unvorbereitet. "Ich, was ich in Zukunft machen werde?"
"Ja, Ihr wollt doch nicht Euer ganzes Leben auf dem Anwesen Eures Vaters fristen."
"Nein, natürlich nicht", bekräftigte d'Artagnan, der, um genau zu sein, eigentlich noch gar keine Ahnung von seiner Zukunft hatte und schon gern noch ein paar Jahre auf dem Anwesen seines Vaters verbracht hätte.
"Da bleiben ja bloß noch zwei standesgemäße Möglichkeiten. Entweder Ihr widmet Euch Gott und werdet Abbé, wovon ich Euch allerdings abraten würde."
"Wieso?"
"Als ich es versucht habe und von einem Abbé die Lehre unseres Herrn unterrichtet bekam, guckte mich mein Lehrer immer so komisch an, versteht Ihr?"
"Nein."
"Nun, der liebe Abbé liebte keine Frauen sondern Männer, d'Artagnan."
"Wahrhaftig?"
"Jawohl, und weil ich das nicht tue, trat ich schnell wieder von meinem Entschluß, Geistlicher zu werden, zurück."
"Dann blieb noch die zweite Möglichkeit."
"Genau, ich bin also Soldat Seiner Majestät Ludwig XIII geworden, um ihn und Frankreich zu schützen."
"Ich werde auch Soldat des Königs!" rief d'Artagnan begeistert. "Ich komme mit Euch nach Paris."
"Einverstanden, aber bis dahin haben wir noch einen ganzen wundervollen Sommer vor uns, ich muß erst in einem Vierteljahr wieder in Paris sein.