Wem die Stunde schlägt von LadyAramis

Das letzte Geheimnis wird gelüftet

Kapitel 33

 

Das letzte Geheimnis wird gelüftet

 

Aramis schlug die Augen auf und fühlte sich gut. Naja, nicht wirklich gut, aber auf jeden Fall besser. Das Fieber war endlich weg und seine Hustenanfälle waren zwar immer noch grässlich, überfielen ihn allerding weniger häufig und dauerten auch nicht mehr so lange. Und heute beim Aufwachen hatte er zum ersten Mal seit langem wieder Appetit verspürt. Seine Lebensgeister kehrten zurück. Wenn nicht wieder irgendeine durchgedrehte Spionin vorbeikam und versuchte ihn zu erwürgen, würde er bald schon wieder ganz gesund sein.

Auch wenn ihm die Schwäche noch immer in den Knochen steckte, wurde der Drang, aufzustehen und die Sonne draussen zu geniessen, immer stärker. Eigentlich war er schon seit Tagen der Meinung, dass er das Bett inzwischen auch mal wieder verlassen konnte. Schliesslich starre er wirklich schon genug lange die immer gleiche Zimmerdecke an. Zu seinem Leidwesen war er aber der einzige, der dieser Meinung war. Sie hatten sich alle gegen ihn verbündet, Athos, Porthos, d’Artagnan, Constance und Bruder Mathias. Gerade Letzterer war der Ansicht, dass Aramis tot umfallen würde, sobald er auch nur seinen grossen Zeh aus der Decke streckte.

Der Rückfall, ausgelöst durch seinen Todeskampf mit der tückischen Lady Adelina, war natürlich alles andere als angenehm gewesen. Das Fieber war wieder gestiegen. An die Nacht darauf hatte er nur noch verschwommene Erinnerungen: Die Hitze, die in seinem Körper tobte, Constances Finger, die über seine Wangen strichen, Mathias, der nasse Tücher um seine Waden wickelte, Athos, der mit der Hand seine Stirn fühlte, d’Artagnan, der seine durchschwitzten Laken auswechselte, Porthos, der an der Bettkante sass und seine Hand gar nicht mehr loslassen wollte. Aber bereits nach zwei Tagen war das Fieber gesunken. Es gab also keinen Grund mehr, ihn einzusperren.

Aramis linste vorsichtig zu Athos rüber, der auf einem Stuhl sass und ein Buch las. Vor ein paar Tagen hatte Aramis versucht das Bett auf eigene Faust zu verlassen, doch dieser Ausflug hatte ein unrühmliches Ende auf dem Fussboden gefunden. Seit dem spielten seine Freunde abwechselnd Kindermädchen. Sie selbst bezeichneten es allerdings als „ihm Gesellschaft leisten“, aber sie achteten alle streng darauf, dass er sich nicht überanstrengte. Wobei alles was auch nur ein Minimum an Bewegung forderte, unter „Überanstrengung“ fiel.

Jetzt allerdings war Athos so in das Buch vertieft, dass er es vielleicht wagen könnte…

„Denk nicht mal dran!“, warnte ihn Athos, ohne von seiner Lektüre aufzusehen.

Dieser Mann und seine verfluchten Instinkte! Aramis stiess einen schweren Seufzer aus und liess sich frustriert noch tiefer in die Kissen sinken. „Was ihr da macht ist streng genommen Freiheitsberaubung“, maulte er.

Athos warf ihm über dem Buchrand einen amüsierten Blick zu. „Du liegst in einem Bett, Aramis. Nicht in einem Kerker.“

„Mit jedem Tag wird der Unterschied kleiner“, beharrte Aramis verschnupft.

„Ich weiss nicht, wieso du so jammerst! Du liegst unter warmen Decken, Constance bringt dir dein Essen, Bruder Mathias kümmert sich um dich als wärst du ein neugeborenes Kind und wir alle verwöhnen dich.“

„Wenn das so schön ist, wieso liegst du dann nicht im Bett und lässt dich umsorgen?“

„Weil ich nicht derjenige bin, der in den letzten Tagen fast gestorben wäre“, bemerkte Athos treffend und legte das Buch weg. Seine Miene war stoisch und kühl wie immer, aber seine Augen funkelten vor diebischem Vergnügen über diese vertrauten Neckereien. Aramis spürte, dass Athos dasselbe empfand wie er: Erleichterung darüber, dass wieder Normalität in ihr Leben zurückgekehrt war.

Wobei noch nicht alles wieder ganz normal war.

„Hast du inzwischen mit Porthos gesprochen?“, fragte Aramis leise. Er wusste nicht recht auf welche Antwort er hoffen sollte. Einerseits wäre er froh, wenn Porthos überhaupt mal wieder mit jemanden auch nur ansatzweise so etwas wie ein Gespräch führen würde, andererseits wusste er nicht, ob Athos wirklich der Richtige war, um über Liebeskummer zu reden. Athos‘ Lösung für seelische Probleme, bestand normalerweise darin Alkohol in sich reinzuschütten.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, meinte Athos: „Ich weiss nicht, ob ich der Richtige bin um jemanden gute Ratschläge zu geben, der gerade von einer Frau betrogen wurde, die vorgab jemand anderes zu sein. Es ist ja nicht so, als hätte ich das besonders gut verschmerzt.“ Ein Hauch von Bitterkeit und Sehnsucht schwang in seiner Stimme mit.

Aramis hatte wirklich keine Lust sich auch noch mit Milady und Athos auseinanderzusetzen. Ein Freund, der im Trübsinn versank, reichte ihm vorerst. „Und was ist mit d’Artagnan? Hat er versucht, mit Porthos zu reden?“

Diese Frage entlockte Athos ein amüsiertes Grinsen. „Dafür müsste unser lieber d’Artagnan sich erst einmal weiter als eine Armlänge von Constance entfernen – und das ist zur Zeit ein Ding der Unmöglichkeit.“

Das stimmte. D’Artagnan war begeistert gewesen von der Idee, nicht in die Garnison zurückzukehren, sondern hier zu bleiben, bis Aramis sich soweit erholt hatte, dass sie die Reise nach Paris antreten konnten. Tréville höchstpersönlich hatte ihnen seinen Segen gegeben, als er die gefangene Adelina abgeholt hatte um sie in die Bastille zu bringen. Die paar Tage Erholung hätten sie sich wahrlich verdient, hatte er geknurrt und in seiner üblich rauen Art noch hinzugefügt, dass Paris schon nicht gleich fallen würde, nur weil vier Musketiere mal nicht zugegen waren. Auf jeden Fall nutzten d’Artagnan und Constance die gemeinsame Zeit um ihre Romanze wieder aufzufrischen.

Aramis gönnte es ihnen von Herzen. Bald würden sie sich wieder trennen müssen, Constance wäre wieder an ihren gutbürgerlichen Mann gebunden und d’Artagnan bliebe wieder nichts ausser seiner Sehnsucht und seinen bittersüssen Erinnerungen. Was ihn allerdings ein wenig beunruhigte war die Vorstellung, dass Monsieur Bonacieux früher als geplant von seiner Reise zurückkehren könnte und sein Haus voller Musketiere fand, von denen einer mit seiner Frau turtelte.

Nein, Athos hatte Recht: Der verliebte D’Artagnan war ebenfalls nicht der rechte Gesprächspartner für den vom Schicksal gebeutelten Porthos. „Aber irgendjemand muss mit ihm reden! Es wird ihn sonst von innen zerfressen, ich kenne ihn.“ Aramis schlug frustriert mit der Hand auf die Bettdecke. Und weil es sich gut anfühlte, wollte er es gleich noch mal machen, aber Athos fing seine Faust ab.

„Aramis…wir beide wissen, dass du es bist, der dieses Gespräch führen sollte.“ 

„Würde ich ja gerne. Nur kommt er mich nie besuchen!“

„Er sitzt jede Nacht bei dir!“

„Ja, wenn ich schlafe! Und da finde ich es relativ schwer, ein Gespräch zu führen. Sobald ich die Augen aufmache, verschwindet er. Als wolle er nicht mit mir reden.“ Aramis befreite seine Hand aus Athos‘ Griff und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Er macht sich Vorwürfe.“

„Das ist es ja. Ich will nicht, dass er an seinen Schuldgefühlen zerbricht.“

Aramis liess seine Worte auf Athos wirken. Er konnte sehen, dass sein Freund mit sich rang. Nur mit Mühe konnte er ein zufriedenes Lächeln unterdrücken. Bald hatte er Athos genau dort, wo er ihn wollte. „Wenn ich allerdings aufstehen dürfte, dann könnte ich zu ihm gehen und…“

Ein schwerer Seufzer hob Athos‘ Brust. Dann stand er auf und streckte Aramis die Hand entgegen. „Nun gut. Aber du bist es, der Constances und Bruder Mathias‘ Zorn auf sich nimmt, wenn sie uns erwischen!“

 

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Die Frühlingssonne bäumte sich ein letztes Mal auf und sandte ihre goldenen Strahlen, die  über das Land, das rötlich aufglühte und so auf einmal wirkte wie ein verwunschenes Märchenreich. Doch Porthos hatte kein Auge für diese Schönheit. Für ihn war ohnehin alle Schönheit gestorben. Zusammen mit seinem Glauben an die Liebe.

Porthos zog die Knie an, eine Position, die er als Kind oft eingenommen hatte, wenn er bei seiner Mutter Trost und Wärme gesucht hatte. Damals, als er gemeinsam mit ihr in einem heruntergekommenen Haus gelebt hatte, das überall auseinanderbrach. Sie waren arm gewesen, so arm, dass er oft Bauchschmerzen vor Hunger hatte. Und dennoch war er glücklich gewesen. Weil seine Mutter ihn mit ihrer Liebe überschüttet hatte. Das war alles was er gebraucht hatte um auch die schlimmsten Zeiten zu überstehen.

Seitdem war er immer überzeugt gewesen, dass alles gelingen konnte, wenn man nur liebte. Die Liebe hatte ihm immer Stärke verliehen. Als er sich als Gauner im Hof der Wunder durchschlug, war es die Liebe zu Floh gewesen, die ihn beflügelt hatte. Als er später zu den Musketieren gekommen war, hatte er eine andere Form der Liebe entdeckt: Freundschaftliche Zuneigung, die in brüderliche Liebe umschlug. Das war das, was er für d’Artagnan, Athos und Aramis empfand. Mit ihnen an seiner Seite konnte er alles aushalten: Die Schikanen des Kardinals ebenso wie das ständige Risiko im Auftrag des Königs zu fallen.

Nun aber hatte er die dornige, dunkle Seite der Liebe kennengelernt. Zum ersten Mal in seinem Leben war die Liebe kein Geschenk gewesen, sondern ein Fluch, den er viel zu spät bemerkt hatte. Und diese verräterische Liebe, die eigentlich gar keine Liebe gewesen war,

hatte seinen besten Freund beinahe umgebracht. Es war als hätte Adelina ihm unwiderruflich ein Stück seiner Seele geraubt.

Porthos nahm einen Schluck aus der Weinflasche. Im Gegensatz zu Athos war er kein einsamer Trinker. Auch wenn er dem Alkohol sicher nicht abgeneigt war, zog er es vor, in Gesellschaft zu trinken am besten auf einer fröhlichen Feier oder nach einem langen Tag mit seinen Freunden in einem Wirtshaus. Aber jetzt war ihm nicht nach Gesellschaft, im Gegenteil. Er konnte sich einfach nicht dazu überwinden, sich zu den anderen zu setzen, die gerade gemeinsam das Abendessen zu sich nahmen. Auch wenn ihm niemand einen Vorwurf machte und alle ihm versicherten, er trage keinerlei Schuld an den Geschehnissen, jedes Mal, wenn er in ihre Gesichter sah, verkrampfte sich sein Herz vor Scham. Und es war nicht nur die Scham darüber, dass er Adelina, Aramis‘ Aufenthaltsort verraten hatte. Es war vor allem die Scham darüber, dass sein Herz trotzdem blutete bei dem Gedanken, dass die schöne Adelina heute Morgen hingerichtet worden war.

Das letzte Mal als er sie gesehen hatte, hatte Tréville sie im gefesselten Zustand auf ein Pferd verfrachtet. Sie war wütend gewesen, hatte gefaucht wie eine Katze und sich gegen die Fesseln gesträubt. Als die Leiche ihres Bruders an ihr vorbeigetragen wurde, hatte sie ihren Zorn und ihren Schmerz herausgeschrien, ein schriller Sirenenschrei, der durch Mark und Bein ging. Doch selbst so in, diesem aufgelösten Zustand, hatte sie etwas unglaublich Anziehendes. Und als sie davonritt, warf sie ihm einen letzten kecken Blick über die Schulter zu, ein Blick, der alles versprach und ihn mitten ins Herz traf.

Er hatte sie geliebt. Das liess sich nicht so schnell abstreifen, wie eine überflüssig gewordene Haut. Mit einem Seufzen legte Porthos den Kopf in den Nacken um erneut den Himmel zu betrachten. Inzwischen hatte er von einem glühenden Rot zu einem zarten Rosa gewechselt. Bald würde er sich in ein dunkles Blau färben. Vielleicht war es auch so in der Liebe, dachte Porthos, vielleicht brauch sie einfach Zeit, sich zu verflüchtigen.

„Ein wunderschöner Abend nicht wahr?“

Aramis‘ sanfte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Lautlos, wie es seine Art war, hatte er sich angeschlichen und liess sich nun neben Porthos auf die Bank sinken. Noch war die übliche Eleganz seiner Bewegungen nicht zurückgekehrt und auch die dicke Decke, die er sich um die Schulter geschlungen hatte, verriet, dass er noch nicht ganz auf der Höhe seiner Kräfte war. Deshalb runzelte Porthos nun ärgerlich die Stirn. „Du gehörst ins Bett, Aramis!“, tadelte er ihn.

„Dort langweile ich mich nur“, entgegnete Aramis und strecke genüsslich die langen Beine aus, ganz wie eine Katze, die sich in der Sonne räkelte.

Porthos gab ein unwilliges Knurren von sich. Aramis und sein Leichtsinn! Noch vor ein paar Tagen war er hochfiebernd darniedergelegen und kaum ging es ihm ein bisschen besser, übertrieb er es schon wieder. „Und hier draussen holst du dir den Tod!“ Energisch stand er auf und versuchte Aramis am Ellbogen ebenfalls hochzuziehen. Doch dieser blieb stur sitzen.

„Wieso behandelt ihr mich eigentlich alle wie ein unmündiges Kind? Ich hatte eine Lungenentzündung und eine Amnesie und beide Dinge führen nicht zu einem dauerhaften Verlust des Verstandes!“

„Nun ja auf deinem Verstand war ja ohnehin noch nie so gross Verlass. Du musst ja ständig über die Stränge schlagen mit deinen ausufernden Gefühlen. Immer muss ich auf dich aufpassen und…“ Er brach schlagartig ab.

Aramis beobachtete ihn genau. „Ja? Was wolltest du sagen?“

„Ach nichts.“ Porthos wandte sich ab. Er hatte kein Recht so zu reden. Wenn er seine Gefühle besser im Zaun gehalten hätte und mehr auf Aramis Acht gegeben hätte, sässe dieser jetzt nicht so abgemagert und in eine Decke gehüllt neben ihm.

„Porthos…dir ist schon klar, dass du keine Schuld an dieser Geschichte trägst?“

Es war das grenzenlose Verständnis und die Wärme in Aramis‘ Stimme, die Porthos bis ins Innerste traf und ihm die Tränen in die Augen trieb. „Das sagen alle. Aber es stimmt nicht! Ich habe Adelina blind vertraut und mich von ihr einwickeln lassen. Dabei hätte ich doch spüren müssen, dass etwas nicht stimmt. Spätestens als Francis ermordet wurde. Wenn ich nicht so verblendet gewesen wäre, dann hätte ich es gemerkt. Und dann hättest du nicht so lange in den Kerker müssen und wärst nicht krank geworden und…“ Er brach ab und vergrub schluchzend das Gesicht in den Händen.

„Porthos! Ich hätte die Lungenentzündung wahrscheinlich auch bekommen, wenn ich nicht im Kerker gelandet wäre! Ich habe mich schon Tage vorher unwohl gefühlt.“

„Aber ich habe ihr verraten wo du bist! Wie sollst du mir je vergeben können, dass ich dich verraten habe?“

Aramis packte ihn an den Schultern. „Ja, aber du warst auch derjenige, der sie aufgehalten hat. Porthos“, er griff nach Porthos‘ Kinn und hob es sanft hoch, so dass er ihm in die Augen sehen musste, „wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich es nicht geschafft. In jener Nacht, als ich so hohes Fieber hatte und kaum atmen konnte, da glaubte ich, sterben zu müssen. Ich habe nicht mehr gekämpft. Dann kamst du…und hast es an meiner Stelle getan. Du hast mich beschützt, so wie du es immer tust. Glaube nicht, dass du jetzt weniger wert bis, nur weil du diese Frau geliebt hast!“

„Abgesehen davon wärst du ja kein richtiger Musketier, wenn du nicht mindestens einmal auf eine manipulative Frau reingefallen wärst“, erklang plötzlich Athos‘ raue Stimme. Porthos hob den Blick und sah, dass Athos lässig am Türrahmen lehnte, flankiert von d’Artagnan. Beide schenkten ihm ein schiefes Grinsen…und Porthos konnte nicht anders, er musste zurückgrinsen.

„Niemand gib dir die Schuld an dem was passiert ist. Ausser du selbst. Es gibt also nichts zu vergeben.“ In Aramis‘ dunklen Augen stand kein Groll und kein Vorwurf, sondern nur reine Zuneigung, etwas, was Porthos glaubte, verloren zu haben. Erneut zog er seinen Freund in eine innige Umarmung, doch dieses Mal mit einem breiten Lächeln statt mit Tränen.

Aramis ächzte. „Porthos…meine Rippen…“

„Entschuldige.“ Er liess ihn los. „Du bist aber auch furchtbar dünn geworden. Wir müssen dich unbedingt mehr füttern.“

„Genau, du bist ja schrecklich abgemagert.“ D’Artagnan piekte scherzhaft mit dem Finger in Aramis‘ Rippen.

„So können wir dich den Damen in Paris unmöglich präsentieren“, pflichtete Athos bei, „aber keine Angst unter unserer Pflege wirst du bald wieder so hübsch wie vorher sein.“

„Schliesslich ist das unser Motto nicht wahr? In guten wie in schlechten Tagen. Oder: Alle für einen…“ d’Artagnan machte eine dramatische Pause bevor alle vier im Chor antworteten:

„Und einer für alle!“

 

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„Wenn das nicht meine hübschen Musketiere sind!“ Pierre Lefèvre drängte sich resolut zwischen zwei seiner herumwuselnden Mädchen hindurch und kam mit strahlender Miene auf die Freunde und ihren Hauptmann zu, die sich an einem der Tische niedergelassen hatten. Pierre schüttelte erst Athos begeistert die Hand, drückte sich dann den verdutzten d’Artagnan an die Brust, schlug Porthos auf die Schulter und gab Aramis ein Küsschen auf die Wange. Vor Tréville schliesslich machte er eine elegante Verbeugung.

„Hauptmann, Ihr habt Euer Versprechen gehalten. Dafür stehe ich zutiefst in Eurer Schuld.“

Tréville grinste etwas verlegen. Schliesslich hatte er Pierre nicht einfach aus reiner Nächstenliebe geholfen, sondern in erster Linie um Aramis‘ Unschuld zu beweisen. Dennoch war er froh, dass der muntere Gastwirt der Bastille entkommen war. Es wäre nicht recht gewesen, wenn er inhaftiert geblieben wäre und das nur, weil der Kardinal mal wieder auf einer seiner Rachefeldzüge war.

„Immerhin durfte ich so Eure bezaubernde Schwester kennenzulernen.“

Pierre lächelte und griff sich lässig einen Bierkrug von einem Tablett, das gerade von einer der hübschen Damen vorbeigetragen wurde. „Ach ja die gute Sophie…ein verrücktes Huhn. Aber eine gute Schwester und treue Freundin.“ Tréville fand es ziemlich komisch, dass ein Mann, der heute eine äusserst seltsame federbestickte Robe und dazu Schnabelschuhe trug, jemanden wie Sophie als „verrückt“ bezeichnete. Allerdings schienen in Pierres Leben ohnehin andere Massstäbe zu gelten.

„Ich bin auf jeden Fall froh, dass sich für Euch ebenfalls alles zum Guten gewendet hat. Es tut mir Leid, dass diese ganze Geschichte auch Euch so furchtbar getroffen hat“, sagte Aramis mit ehrlicher Anteilnahme in der Stimme. Heute trug er zum ersten Mal seit langem wieder seine Uniform. Weil er noch immer eine Spur zu dünn war, sass sie noch nicht perfekt, aber das Strahlen und der Schalk war in seine dunklen Augen zurückgekehrt, so dass er endlich wieder aussah wie der lebensfrohe junge Mann, der er vor der Krankheit gewesen war. Als seine Musketiere nach Paris zurückgekehrt waren, hatte er noch eher an ein Gespenst erinnerte.

Pierre winkte lässig ab. „Oh, daran tragt Ihr nun wirklich keine Schuld. Das war eher eine Verkettung unglücklicher Umstände. Und immerhin lebe ich noch. Andere hatten weniger Glück…“ Ein Schatten fiel über das sonst so fröhliche Gesicht des Wirtes und Tréville wusste, dass er an Robert dachte.

D’Artagnan schien den melancholischen Stimmungsschwung bei Pierre ebenso zu bemerken. Er hob seinen Bierkrug. „Lasst uns auf Francis trinken. Er war ein guter Mann. Und auch auf Robert. Der ebenfalls ein guter Mann war.“ Sie stiessen die Bierkrüge aneinander. Es war eine ungewöhnliche Art diesen Toten zu gedenken. Aber schliesslich hatte es sich auch um ungewöhnliche Männer gehandelt.

„Wir sollten auch auf Fleur trinken. Deren Geheimnis gewahrt wurde und die immer noch als Zofe im Palast lebt, obwohl sie eigentlich eine von uns ist.“ Den letzten Teil flüsterte Pierre nur noch. Tréville war auch ziemlich stolz auf sich, dass es ihm gelungen war, Fleurs Namen reinzuwaschen, ohne ihre Herkunft zu verraten. Schlussendlich hatte ihm der Kardinal dabei geholfen. Wenn auch nicht ganz freiwillig…

Als hätte er seine Gedanken gelesen, sagte Athos plötzlich: „Das wundert mich aber eigentlich schon die ganze Zeit: Wieso war der Kardinal plötzlich so hilfsbereit als es um Fleur ging? Er wird doch nicht plötzlich sein Herz entdeckt haben?“

„Nun ja…vielleicht haben wir ihm einen kleinen Stoss in die richtige Richtungen gegeben.“ Tréville wechselte einen fragenden Blick mit Pierre. Er war sich nicht sicher, ob er das Geheimnis, das den Kardinal mit dem exotischen Gastwirt verband, wirklich verraten durfte.

Doch Pierre lächelte ihm aufmunternd zu. „Hauptmann, ich denke, Eure Männer haben sich diese Geschichte mehr als verdient. Der Grund wieso Richelieu Fleur so bereitwillig geholfen hat, liegt in unserer gemeinsamen Vergangenheit. Und diese Vergangenheit ist auch der Grund, wieso Richelieu so sehr darauf versessen war, mich hinter Gittern zu sehen.“

„Sagt nur, Ihr wisst um eines der dunklen Geheimnisse, die der Kardinal so geschickt unter seiner roten Robe verbirgt?“, fragte d’Artagnan, dessen Augen so gross und n rund wie Münzen waren. Auch Athos, Aramis und Porthos schienen vor Neugierde förmlich zu brennen.

Pierre lachte auf. „Dunkel kann man das Geheimnis eher nicht nennen. Eigentlich ist es eher komisch. Wisst Ihr, Richelieu und ich, wir kennen uns noch vom Studium.“

„Vom Studium“, echote Aramis verdutzt, „aber Richelieu hat doch Theologie studiert!“

„Genau. Ich auch.“

Tréville konnte es seinen Musketieren nicht verdenken, dass ihnen förmlich die Kinnlade runterfiel. Als Pierre ihm diese Geschichte erzählt hatte – nachdem er seinen Teil des Handels abgeschlossen und ihn aus der Gefängniszelle rausgeholt hatte – hatte er erst auch nicht glauben können, dass ausgerechnet Pierre eine Kirchenlaufbahn angestrebt hatte.

„Es war jetzt nicht so, dass es meine Idee gewesen wäre“, stellte Pierre naserümpfend klar, „mein Vater hatte sich die Idee in den Kopf gesetzt, dass ich für die Kirche geboren sei. Ein Irrtum, wie ich damals übrigens schon wusste. Auf jeden Fall lernte ich dort Armand kennen – euch besser bekannt als Kardinal Richelieu. Und ob ihr es glaubt oder nicht: Damals waren wir befreundet. Nicht eng, aber zumindest so, dass wir unsere Abende gemeinsam verbrachten. Richelieu entpuppte sich dann aber immer mehr als Meisterschüler und machte sich einen Spass daraus, jene zu demütigen, die nicht ganz mit seiner Intelligenz mithalten konnte Und ich war sein Lieblingsopfer. Deshalb beschlossen ich und ein paar meiner Kameraden ihm einen Denkzettel zu verpassen.“

„Keine gute Idee sich mit Richelieu anzulegen“, bemerkte d’Artagnan. Tréville sparte sich den Kommentar, dass d’Artagnan selbst ja ein geradezu bewundernswertes Talent dafür zeigte, dem Kardinal auf die Nerven zu gehen.

„Damals waren wir noch jung und wenn ich geahnt hätte, dass aus diesem oberschlauen, mageren Studenten einmal der mächtigste Mann Frankreichs werden würde, hätte ich den kleinen Scherz vielleicht auch gelassen. Aber ich wusste es damals doch nicht und so bereitete ich den Streich vor. Ich und meine Freunde veranstalteten einen kleinen Kostümball zu dem wir auch Richelieu einluden. Er erschien tatsächlich – verkleidet als prachtvoller Kater.“

„Wie passend“, murmelte Athos.

Pierre fuhr fort: „Es war ein rauschendes Fest, wobei ich es mir selbst zur Aufgabe machte, dafür zu sorgen, dass Richelieus Glas nie leer war. Unser Plan ging auf, der gute Kater war um Mitternacht so betrunken, dass er sich widerstandslos in das nächste Bordell führen liess. Und dort erwachte er dann auch, in seinem Katerkostüm, umgeben von kichernden Dirnen und prustenden Freiern, denn wir hatten es uns nicht nehmen lassen, sein Kostüm zu ergänzen: Mit einem Priestergewand, so dass ein jeder wusste, wen es da zu den leichten Damen gezogen hatte.“

Die Musketiere brachen in so schallendes Gelächter aus, dass sich andere Gäste erschrocken zu ihnen umdrehten. Porthos schlug vor Vergnügen mit der Faust auf den Tisch, d’Artagnan kugelte sich förmlich vor Lachen, Aramis liefen die Tränen über die Wangen und selbst der sonst so zurückhaltende Athos hielt sich den Bauch. Die Vorstellung war aber auch zu komisch: Der strenge und würdevolle Richelieu, der sich im Katerkostüm in einem Bordell räkelte.

„Wie Ihr Euch vorstellen könnt, hat Richelieu schnell herausgefunden, wer sich diesen Streich ausgedacht hatte. Von da an war es vorbei mit unserer Freundschaft, denn überall kursierten nun Witze und Gerüchte, über den Kater, der einen Kater hatte und bei den Katzen landete. Das hat er mir nie verziehen, obwohl ich kurz darauf das Studium vorzeitig beendete. Die Kränkung war so tief, dass Richelieu auch jetzt, viele Jahre danach, die Chance ergriff, sich an mir zu rächen.“

„Unser Kardinal hat eben ein gutes Gedächtnis, was vergangene Demütigungen betrifft“, grinste Aramis.

„Und sicher hat der Kardinal Interesse daran, dass diese unrühmliche Jugendsünde nicht plötzlich am Königlichen Hof die Runde macht. Daran wird ihn wohl unser Hauptmann erinnert haben, als er für Fleur bat.“ Athos, der Scharfsinnige, hatte Trévilles List vollkommen durchschaut, was dieser mit einem leichten Nicken seines Kopfes bestätigte.

Porthos hob erneut seinen Krug. „Wenn das mal kein Grund zum Trinken ist! Der Kardinal wird Opfer seiner eigenen Intrigen und muss sich unserem Hauptmann beugen! Ein Hoch auf Tréville!“

In dieser Nacht fanden die Freunde noch manchen Grund zum Anstossen und auch wenn Tréville sonst streng darauf achtete, dass die Musketiere in seiner Gesellschaft nicht allzu sehr über die Strenge schlugen, liess er die Zügel dieses Mal locker. Sie hatten sich diese ausgelassene Feier wahrlich verdient.

Und so wie er die vier kannte, würde das nächste Abenteuer nicht lange auf sich warten lassen.

-      Ende –

 

 

Anmerkung: Ein bisschen wehmütig bin ich ja schon. Diese Fanfiction hat mich – wenn ich richtig rechne – fast drei Jahre lang begleitet. Mal ging es mir leicht von der Hand, dann stockte es wieder und manchmal hatte ich gute Lust, das Ganze hinzuschmeissen, wenn die Mordtheorien nicht funktionieren wollten und ich nicht wusste, wie ich das Ganze auflösen oder es zu Ende bringen soll. Aber die Freude daran war zu gross, als dass ich einfach aufgeben wollte und ich bin stolz, dass ich euch jetzt das fertige Werk präsentieren kann. In der Vergangenheit hatte ich immer Probleme damit, längere Fanfictions zu Ende zu schreiben, weil ich schnell die Lust verlor oder mich in der Handlung verwickelte. Dass ich es jetzt geschafft habe, eine über 200 Seiten lange Story zu beenden, ist ein grosser Schritt in meiner Schreibentwicklung.

Den ich auch euch zu verdanken haben! Das Musketier – Fandom ist vielleicht nicht das Beliebteste, allerdings findet man hier qualitativ sehr gute Fanfictions – was man von anderen Fandoms nicht behaupten kann. Ich bin stolz, dass ihr meine Story so gut aufgenommen hat. Ihr habt grosszügig über meine historischen Fehler und über meine allzu saloppe Sprache hinweggesehen. Und vor allem habt ihr meinen Humor verstanden! Danke für eure Reviews, ihr seid ein klasse Lesepublikum (und es ärgert mich immer noch, dass ich die Hälfte eures Feedbacks verloren habe, weil ich die Story mal versehentlich gelöscht habe).

Wahrscheinlich widme ich mich jetzt mal wieder meiner geliebten Mittelerdewelt (ich schaff auch dort eine lange Fanfiction, ich glaube fest daran), aber bestimmt werde ich auch mal wieder was zu den Musketieren schreiben. Ideen hätte ich auf jeden Fall. Die dritte Staffel von „The Musketeers“ war eine solche Katastrophe, dass es mich in den Fingern juckt die Staffel neu zu schreiben…und dann hätte Aramis auch mehr zu tun, als nur im Bett rumzuliegen, wie hier.

 

Au revoir!

Eure Lady Aramis